Das Los des Menschen –
die conditio humana

Das Leben ließ mich tanzen. Ich kenne die Tänze. Aber ich weiß nicht, wer der Tänzer ist.1


Bislang habe ich mich in den Betrachtungen ja mehr mit dem Aufbau und den Grundlagen des Seins, des Kosmos beschäftigt. Nun will ich mich der für uns wichtigsten Randerscheinung des Universums widmen, dem Menschen.


3.1 Grundüberlegungen zum Menschen


Ihr Menschen scheint daran Freude zu finden, eure eigenen Komplikationen zu erschaffen.“2


Erst einige Überlegungen zum Menschen an sich. Vorab aber noch einmal zur Verdeutlichung: Die Noussphäre ist praktisch identisch mit dem Menschen, beziehungsweise mit dem menschlichen Geist.


Wir erinnern uns: Der Homo sapiens erschien erst vor ca. 300.000 Jahren. Entstanden sein dürfte er im Osten des heutigen Afrikas. Hier einige den Menschen betreffende Grundeigenschaften:


  • Der Mensch ist extrem offen und kann auf viele verschiedene Umweltbedingungen reagieren, ist also wenig festgelegt und spezialisiert. Der Philosoph und Anthropologe Arnold Gehlen beschreibt den Menschen als Mengelwesen. Dem kann ich nicht folgen. Doch stimmt es, dass wir viele, ja fast alle der Mechanismen, die Tiere zum Überleben in ihrer jeweiligen Umwelt besitzen und nutzen nicht oder nur wenig haben.
  • Die organische Unspezialisiertheit des Menschen zeigt Gehlen schlaglichtartig an einigen Phänomenen auf (M 33f, A 46): Von den meisten Tieren, die besser sehen, genauer hören oder feiner riechen können, wird der Mensch an Schärfe der Sinne übertroffen. Er hat weder natürliche Angriffs- noch Verteidigungswaffen, auch keine zur Flucht geneigte Körperbildung; er ist von seiner Lebensweise her weder ein Räuber, noch ein Fluchttier. Er hat kein Fell wie andere Säugetiere, ist damit ohne ausreichenden Wetterschutz. Seine Haut vermeidet überhaupt jegliche Spezialisierung, in Richtung Kälteschutz ebenso wie in Richtung Verteidigung (Hautpanzer, Stachel, Fell) oder Angriff (Hörner, Hufe), ja ihr fehlen sogar, im Unterschied zu allen anderen Säugetieren, Spür- und Tasthaare.3


  • Was hier übersehen wird ist natürlich, dass der Mensch zwei gänzlich andere Anpassungskräfte und Fähigkeiten „erhalten“ hat: Seine Fähigkeit zur hochsozialen Zusammenarbeit und seine selbstreflektierende Intelligenz. Durch sie hat er es geschafft, sich an alle Klimazonen anzupassen und sich gegen alle Unbilden der Natur zu schützen und durchzusetzen. Der Mensch ist also im Gegensatz zu Tieren und Pflanzen nicht an eine Umwelt gebunden, sondern kann sich selbst an praktisch jede neue Umwelt anpassen. Der Gipfel dieser Fähigkeit ist, denke ich, der im Augenblick angedachte und angestrebte versuch, den Menschen auf andere Planeten zu bringen. Der Mensch ist maximal unspezifisch und offen in seinen Anpassungsmöglichkeiten. Ja, jeder Mensch passt sich völlig automatisch der Umgebung an, in die er oder sie hineingeboren wird, und zwar sowohl an die dort herrschende Kultur wie auch an Klima und andere Umweltbedingungen. Und das gelingt ihm gerade wegen der fehlenden Spezialisierung. Sehen wir nur unser Gebiss an, das nicht zu einem Pflanzenfresser und nicht zu einem Fleischfresser gehört. Wir sind sogenannte Omnivoren und damit fähig, fast jede Art von Nahrung zu uns zu nehmen.


  • Wir sind alle Frühgeburten! Normalerweise werden Kinder einer Art mit weit mehr Überlebensfähigkeiten geboren, als wir und sind nicht so völlig hilflos wie neugeborene Menschenkinder. Ein Menschenkind braucht ca. 1 Jahr bis es so beweglich und fähig ist wie ein Menschenaffenkind nach wenigen Stunden. Daraus folgt dass wir einen Großteil unserer Prägung außerhalb des Mutterleibes erhalten. Unsere Fähigkeit zur Annahme KULTURELLER Prägungen ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Seins.


  • Wir sind in hohem Maße soziale Lebewesen. (innerhalb der Hominiden (Menschenaffen inklusive) sind wir die Spezies, die mit einer Hordengröße von ca. 150 Personen die größten Gemeinschaften bildet). (Sozial wird hier nicht als „Gut“ verstanden, da wir durchaus schrecklichste Dinge unseren Mitmenschen antun können. „Sozial“ bedeutet hier: Der Mensch existiert mit, durch und für die Gemeinschaft. Er ist definitiv ein Herdentier, kein Einzelgänger. Aber durch die starke Hinwendung zur Gemeinschaft entsteht gleichzeitig auch das Phänomen der „Feindschaft anderen Horden gegenüber“, die wir als Rassismus kennen. Auch Sexismus ist ein daraus entstehendes Phänomen, wenn man(n) sich innerhalb der „Horde“ auch noch dem „Herrengeschlecht“ zugehörig fühlt, also eine kleinere Einheit innerhalb der Horde als „wichtiger“ empfindet. Immer geht es dabei um Zugehörigkeit und immer ist es die „eigene“ Gruppe, die per se besser, richtiger ist als alle anderen Gruppen.


  • Nur der Mensch kann in der sogenannten „Theory of Mind“ (T'OM) eine Komplexität von bis zu sechs Schritten erreichen. TOM bedeutet (in meinen Worten) sich auf verschiedenen Ebenen in andere hineinzuversetzen und ihre innere Welt sozusagen nachzuvollziehen zu können. Man könnte auch etwas flapsig sagen, TOM bedeute „in Bezug auf andere Menschen um´s Eck zu denken“. TOM kann auch als Stufung betrachtet werden. Computer (die doch manchmal so lebendig scheinen) haben z.B. eine TOM=0, d.h. sie haben von überhaupt NICHTS irgendeine Vorstellung oder irgendein Empfinden (nicht mal von sich selbst). Amöben oder Viren oder Bakterien haben wahrscheinlich eine TOM=1, d.h. sie empfinden sich selbst, „wissen“ um sich selbst, sie reagieren z.B. auf Änderungen der Umwelt dynamisch. Manche höheren Tiere nun können z.B. ihr eigenes Spiegelbild als solches erkennen, sie haben eine TOM=2, d.h. sie können von sich selbst abstrahieren und wissen, dass es Lebewesen gibt, die nicht wie das Spiegelbild das selbe machen wie sie. Wenn man jetzt ein einfaches Experiment mit Menschenaffen macht, kann man ihre TOM herausfinden. Stellen wir uns folgendes vor: Ein Menschenaffenmännchen, das nicht sehr ranghoch ist in der Horde sieht, wie ein Wärter etwas Leckeres hinter einer einfachen Abschirmung versteckt. Zugleich ist ein ranghöheres Männchen ebenfalls anwesend, steht aber so, dass es den Wärter hinter der Abschirmung NICHT sieht (d.h. auch nicht weiß, dass da etwas leckeres ist). Normalerweise würde ein rangniederes Männchen einem ranghöheren niemals solch einen Leckerbissen streitig machen, aber unser Männchen BEGREIFT, dass sein ranghöherer Kollege gar nichts von der Leckerei weiß! Daher kann es sich unter Umständen an den verborgenen Leckerbissen heranschleichen und ihn unsichtbar für den anderen verspeisen. Dies bedeutet aber, unser unterlegenes Männchen kann sich in die Position des anderen einfühlen, begreift, dass dieser etwas NICHT weiß, was es selbst aber sicher weiß und kann seinen Nutzen daraus ziehen, ohne seine soziale Position (oder seine körperliche Gesundheit) damit zu gefährden. Mit anderen Worten: Ich (das unerlegene Männchen) weiß, dass der andere (der Überlegene) nicht weiß, dass hinter der Wand etwas leckeres ist, auf das er eigentlich Anspruch hätte. Dies ist TOM=3. Wir Menschen können nun (allerdings mit einiger Anstrengung) TOM=5 oder gar 6 erreichen. Wie sieht das aus? Nun etwa in der Art; Klaus meint, dass Elke von Peter denkt, dass dieser davon überzeugt ist, dass Frida auf ihn steht, obwohl das gar nicht der Fall ist. Nun ja, wir können das, aber meist dürfte doch weniger ausreichend sein.4


  • Nur der Mensch kann Sprachen von hoher symbolischer und grammatikalischer Komplexität entwickeln. Wir sprechen ja auch davon, dass Tiere sich etwas mitteilen, z.B. dass fündig gewordene Bienen in den Stock zurückkehren und dort weitergeben, dass sie und wo sie verwertbare Nahrung gefunden haben. Aber zwischen einer reinen Informationsübermittlung a la: Da und dort gibt’s was zu essen und einer Sprache die z.B. sagt: „Deine Augen sind für mich wie ein Fluss, auf dem ich in die Tiefe Deiner Seele treibe“ liegen buchstäblich Welten. Es gibt bei der Biene keine Metaebene. „Da und dort: Essen,“ mehr nicht. In unserem Menschenbeispiel werden Metaphern verwendet (Augen wie ein Fluss) und die Aussage, die hinter dem Satz steckt (Metaebene) ist: Ich liebe Dich. Zu solchen Höhen des „ums Ecke denken/fühlen/sprechen“ ist eben nur der Mensch fähig.


Dies nur als kurzer Abriss unserer ungewöhnlichen Stellung in der Biosphäre.

Wobei hier auch eine Tatsache ganz klar festgehalten werden muss: Für alles, was uns ausmacht und auch so speziell macht, gibt es Vorläufer und Vorstufen. Was uns so besonders macht, sind die unglaublichen Komplexitätsunterschiede zwischen uns und all diesen Vorstufen. Es gibt keine prinzipiellen neuen geistigen Fähigkeiten bei uns im Vergleich zum Tierreich, aber unglaubliche Sprünge in der Komplexität dieser geistigen Fähigkeiten (eben z.B. in der Kommunikation).


3.2 Philosophische Überlegungen


3.2.1 Der Mensch ist sich selbst gegenübergestellt!


„Erst kommt das Gefühl, dann macht man sich Gedanken über den Grund“ Robert M. Pirsig5


Dies bedeutet, dass wir uns zwar selbst reflektieren können und begreifen können, wie wir sind, was uns bewegt und antreibt, mit einem Wort: Wer wir sind. Dass wir aber nur minimal dazu in der Lage sind, uns etwa nach unserem eigenen Willen zu formen. Wir sind uns, wie in einem Spiegel, selbst gegenübergestellt. Und wie wir in einem Spiegel zwar feststellen können, wie wir aussehen, dies aber nur wenig ändern können, so können wir auch mentale, gefühlsmäßige oder zum Beispiel Fähigkeiten betreffende Eigenschaften, kaum ändern. Niemand käme auf die Idee zu glauben, er könne seine Augenfarbe oder Körpergröße willentlich ändern, aber in Bezug auf unser Innenleben glauben wir doch, wir wären Herren und Frauen im eigenen Hause. Aber das sind wir nicht! Praktisch nichts, was uns als Personen ausmacht können wir willentlich beeinflussen oder ändern! Es ist uns nicht gegeben uns intelligenter zu machen wie wir von Haus aus sind, Neigungen oder Persönlichkeitsstrukturen sind uns gegeben (oder sind durch unsere persönliche Geschichte geworden). Wer introvertiert ist, kann kaum einen Draufgänger aus sich machen, wer zur Intellektualität neigt kann die bohrenden Fragen nicht einfach abstellen, wer Ängste hat kann sie nicht durch einen einfachen Willensakt ausschalten u.s.f.6


Gerade die Moderne mit ihrer Betonung des Individuellen, der Freiheit des Individuums, mit ihrer Hinwendung zum Verstand, zur Wissenschaft und ihren Möglichkeiten suggeriert uns, wir seien selbst das bestimmende Element in unserem Leben. Doch bei genauem Hinsehen stellen wir fest, dass es eigentlich keine Persönlichkeitsmerkmale, keine Fähigkeiten, keine Grundbedingungen gibt, die wir mehr als graduell zu beeinflussen vermögen. Es gibt zwar gewisse Techniken, um Verhaltensweisen oder Angewohnheiten zu ändern, wir können lernen uns in gewissem Maße über unsere familiären und kulturellen Bedingungen hinwegzusetzen, doch sind hier meist nur schwache Veränderungen möglich. Auch müssen wir uns mithilfe dieser Techniken eher in einem langen und mühsamen Prozess umerziehen anstatt uns durch einen einfachen Willensakt, eine einfache Entscheidung ad hoc zu verändern.


Ein Gedankenexperiment: Nähmen wir an, es gibt einen idealen Beobachter, der den Bewussten Teil von uns (oder, wie ich es später nennen werden, die Ich-Bewusstheit) genau kennt, uns selbst (also den ganzen Menschen) aber gerade erst zu beobachten begonnen hat. Dieser Beobachter versucht nun vorauszusehen, was wir als nächstes tun oder lassen werden und wie wir uns in verschiedenen Situationen verhalten werden. Trotz seiner umfangreichen Kenntnis über unser Bewusstsein, ist er höchstens dazu in der Lage, in groben Umrissen unser Verhalten vorher zu sagen.


Woran liegt das? Ich glaube, wir leben in Wirklichkeit in einem gewaltigen Meer des Unbewussten, das unser Dasein bestimmt (von den völlig unwillkürlichen Körperreaktionen bis hin zu unterschwelligen Meinung, die wir mit der Muttermilch unserer Sozialisation aufgenommen haben).

Der selbstreflexive Verstand aber ist evolutionär viel jünger als das Unbewusste. Schon entwicklungsgeschichtlich viel ältere Säugetiere träumen z.B. oder reagieren auf ungewohnte Umweltbedingungen mit Furcht. Dies tun sie ganz unwillkürlich, ohne Selbstreflexion, ohne „Ich-Bewusstheit“. Und wir haben dieses Erbe selbstverständlich ebenfalls noch in uns, ja, es ist der weitaus größere Teil unseres Seins. Und wie eine kleine, erst jüngst entstandene Insel ragt aus diesem gewaltigen Meer unser reflexiver, sich selbst erkennender Verstand heraus.


“Das Unbewusste ist der größte Kreis, der den kleinsten Kreis des Bewusstseins in sich trägt; alles Bewusstsein geht seinen ersten Schritt im Unbewussten, während das Unbewusste mit diesem Schritt aufhören und dennoch den vollen Wert als psychische Aktivität beanspruchen kann.” Sigmund Freud


Ich kann hier also Kant, der die Vernunft (für mich gleichzusetzen mit selbstreflexivem Bewusstsein, dem Ich-Bewusstsein) zum Maß allen menschlichen Seins, zur Grundlage seiner Sittengesetze macht, nicht folgen. Der Mensch ist nicht frei durch seinen Verstand. Dafür ist dieser Entwicklungsgeschichtlich viel zu jung und der Geistesbereich des Unbewussten (oder Vorbewussten), der sich ja aus Jahrmillionen speist zu gewaltig. Nach neueren Forschungen, die ich nachvollziehen kann, ist es dem Bewusstsein allenfalls möglich, bereits begonnene Handlungen oder Gedanken oder auch Gefühle (letzte natürlich noch bedingter) zu UNTERBRECHEN. Er kann also vielleicht mit einer verneinenden Funktion regulierend eingreifen. Durch Hinterfragen eigener Aktionen (Handlungen ebenso wie Gedanken oder Gefühle) ein Stoppschild aufbauen, um erst einmal zu Prüfen, was in der gegebenen Situation angebracht oder gar richtig ist. Allerdings kommen auch die Impulse für diese Unterbrechungen letztlich aus einem Bereich, den wir nicht mehr benennen können. Er taucht einfach auf und wird dann vom Bewusstsein wahrgenommen.


3.2.2Gedanken über das Bewusstsein


Das menschliche Bewusstsein ist eben ein Mysterium“7


Ich weiß, dass ich nicht weiß“8 soll Sokrates gesagt haben und zeigt damit, dass er über sein (Nicht)Wissen nachgedacht hat. Denken über das Denken. Und so wird seit langem – zumindest in der westlichen Philosophie – Bewusstsein definiert:


Die erste [Erkenntnis] ist, dass Bewusstsein eine höherstufige Form des Wissens zu sein scheint, die Gedanken und andere Begriffe begleitet. Der lateinische Begriff der conscientia ist die ursprüngliche Wurzel, aus der sich alle späteren Terminologien in den englischen und romanischen Sprachen entwickelt haben. Er leitet sich seinerseits von cum („mit“, „zusammen“) und scire („wissen“) ab.“ In der Antike, genau wie in der scholastischen Philosophie des Mittelalters, bezog sich concientia üblicherweise auf das moralische Gewissen oder auf Wissen, das von bestimmten Gruppen von Menschen geteilt wurde – wiederum überwiegend moralisches Wissen, Wissen über Werte.Interessanterweise wurde echtes Bewusstsein also mit moralischer Einsicht verknüpft.“9


Schreibt Metzinger. Und hier kann ich vollständig zustimmen! Dies ist für mich der Beobachter, der Zeuge, wie er auch in einigen (östlichen) Traditionen heißt. Es ist jene „Instanz“, die in uns feststellt, was in unserem Innenraum geschieht und (so weit das Erfasste ausdrückbar ist) darüber sprechen kann. Hier korrelieren Sprache und Bewusstsein eng miteinander. Das eine ist ohne das Andere kaum vorstellbar. Sprache ist das Instrument des Beobachters sich mitzuteilen. Dies bedeutet nicht, dass bei allen sprachlichen Äußerungen der Beobachter im Spiel ist oder sein müsste. Am deutlichsten wird dies, wenn wir im Traum oder im Fieber sprechen, aber sicher sind auch viele Alltagsgespräche nicht in selbem Maße von einem beobachtenden, wachen Bewusstsein begleitet. Aber nur über Sprache kann der Beobachter seine Beobachtungen weitergeben, Dingfest machen, aufzeigen. Dies ist für mich auch ein weiterer Hinweis darauf, dass Tiere in aller Regel kein Ich-Bewusstsein oder Zeugen-Bewusstsein besitzen.10


“Bewusstsein” ist natürlich ein Sammelbegriff verschiedener innerer Zustände

 Daher möchte ich zwei grobe, aber wichtige unterschiedliche Begriffe einführen.

Erstens den Begriff der Ich-Bewusstheit/der Beobachter. Ich-Bewusstheit ist eben jene Fähigkeit, seine inneren Zustände zu beobachten und über sie zu sprechen. Zu Wissen, was man weiß, was man nicht weiß und dass man etwas weiß.


Dem steht das Selbst-Bewusstsein gegenüber, das in uns und allen höheren (komplexeren) Lebewesen das deutliche Gefühl erzeugt, eine eigenständige, von anderen und von anderem getrennt Entität zu sein. Es ist auch das Gefühl der inneren Einheit.


Warum diese Unterscheidung? Nun, (höhere) Tiere haben im großen und ganzen wohl keine Ich-Bewusstheit, aber ihnen erscheint durchaus EINE Welt, in der sie agieren und von der sie sich durchaus getrennt fühlen (warum sollte der Rüde sonst andere Rüden anbellen und den Weibchen nachlaufen?). Wie weit dies auch noch bei niederen Tieren oder gar Pflanzen der Fall ist, lassen wir einmal dahingestellt sein.

Und hier scheint mit in der Philosophie doch einiges durcheinander geraten zu sein, wenn Metzinger zum Beispiel über die Definition von Bewusstsein schreibt:


Die zweite wichtige Grundeinsicht scheint im Gedanken der Integration zu liegen: Bewusstsein ist das, was verschiedene Bestandteile gleichzeitig zusammenbindet, so daß sie als Teile eines umfassenden Ganzen erscheinen. Wenn man diese Ganzheit hat, erscheint eine Welt. Wenn der Informationsfluss aus unseren Sinnesorganen vereinheitlicht ist. erleben wir die Welt – Bewusstheit ist >Zusammenschau<. Wenn die Sinne dagegen auseinanderfallen und schwinden, verliert man das Bewusstsein. Philosophen wie Immanuel Kant oder Franz Brentano haben Theorien über diese „Einheit des Bewusstseins“ aufgestellt: Was genau ist es, das in jedem Einzelnen Moment all die verschiedenen Teile unseres bewussten Erlebens zu einer einzigen Wirklichkeit – einer „realen Einheit“ zusammenfügt? Besonders interessant ist heute, dass die erste wesentliche Einsicht – wissen, dass man etwas weiß; denken, dass man etwas denkt – überwiegend in der Philosophie des Geistes diskutiert wird, wohingegen sich die Neurowissenschaften des Bewusstseins auf das Problem der Integration konzentriert, nämlich darauf, wie die verschiedenen wahrgenommenen Merkmale von Gegenständen zu einer Ganzheit verbunden werden.“11


Das halte ich, bei allem Respekt, doch für reichlich unsinnig. Wiederum muss daran erinnert werden, dass diese Ich-Bewusstheit eine gänzlich neue „Entwicklung“ der Evolution ist, kaum vielleicht ein oder zwei Millionen Jahre alt (wenn überhaupt, denn voll entfaltet hat es sich ja erst im Homo sapiens vor ungefähr 30000 Jahren). Sie kann gar nicht für das Gefühl der Welt-Einheit verantwortlich sein, das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit alle höher organisierte Lebewesen haben.12

Nein, für mich ist einzig die erste Definition relevant für jenes unglaubliche Spezifikum, das uns Menschen ausmacht. Wir Wissen, dass wir Wissen (oder eben nicht Wissen), wir Denken über unser Denken nach, wir führen eine weitere Ebene ein, einen Supervisor in unserem Inneren. Ja, wir können gar über den Supervisor nachdenken. Es ist eine dieser Metafähigkeiten des Menschen, vergleichbar damit, dass nur Homo sapiens Werkzeuge zur Werkzeugherstellung erschafft.


Ich-Bewusstheit/der Beobachter ist nicht für das Zusammenbinden der Welt zuständig, Ich-Bewusstheit ist das Wissen und das darüber Sprechen können dessen, was in uns geschieht.


Eine weitere Überlegung ist, dass vielleicht in den meditativen, selbsttranszendierenden Traditionen des Ostens genau dieser Beobachter, diese Zeuge so sehr gestärkt wird, dass er als das einzig wirklich Wirkliche erscheint und alles andere zum Tand der Welt wird, zu Maya, zur puren Illusion, an der wir nichts ändern können. Und wenn am Ende nur noch dieser Zeuge wirklich ist, dann hat alles andere seinen Schrecken verloren, ist alles andere Gleichgültig geworden, ist man befreit von der Welt und damit frei von Schrecken und Angst.


Für uns im Westen allerdings wird dieser Zeuge eher eine weitere Instanz des puren Menschseins darstellen, etwas, das uns bedingt und ausmacht.


Der Zeuge ist kein Macher. sondern mehr oder weniger ein Zuschauer.


Unser selbstreflektiver Verstand, unsere Ich-Bewusstheit ist kein Instrument der Herrschaft, sondern nur ein Instrument der Beobachtung und allenfalls der Regulierung.


Dies ist für mich von zentraler Bedeutung, rückt er doch eine der Verstiegenheiten der Moderne wieder zurecht. Hier nun (M)Ein Bild vom Bewusstsein:


Ein gänzlich dunkler Raum wird von einem einzigen Scheinwerfer beleuchtet. Dieser Scheinwerfer ist in Maßen schwenkbar, kann aber bei weitem nicht den ganzen Raum (dessen Dimensionen auch unbekannt sind) ausleuchten. Es scheint aber so, dass der Raum insgesamt weit größer ist als der vom Scheinwerfer erfassbare Teil. Hinter dem Scheinwerfer sitzt der einzige Zuschauer, nennen wir ihn den Beobachter. Der Beobachter ist zugleich derjenige, der den Scheinwerfer in seinen Möglichkeiten ausrichten kann.

Im beleuchteten Teil des Raumes geschehen nun Ereignisse. Personen treten ins Licht, sprechen Texte, Szenen werden gespielt, Personen treten auf und ab, mal sind viele Leute im Licht, mal wenige.

Der Beobachter kann das Treiben auf der Bühne nicht wirklich steuern, ebenso wenig sicher vorhersagen, was als nächstes geschieht. In geringem Maße ist er dazu in der Lage, den Fokus seiner Wahrnehmung zu verändern, wenn ihn z.B. etwas interessiert, was am bisherigen Rand des Lichtkegels geschieht kann er diesen Teil mehr ins Licht rücken, dadurch gehen andere Teile in die Dunkelheit zurück. Auch ist der Umkreis und die Stärke des Lichtes nicht immer gleich, mal ist der Lichtkegel kleiner und schärfer, mal weiter und diffuser, mal auch auf beinahe völlige Dunkelheit zurück gedimmt. Einen Teil dieser Veränderungen kann der Beobachter selbst herbeiführen, aber oft genug verändert sich der Strahl des Scheinwerfers in Umfang, Stärke und Position gänzlich ohne jede Einflussnahme durch den Beobachter.

Verbale Einwürfe des Beobachters werden nur mehr oder weniger stark von den Akteuren auf der Bühne aufgenommen. Vor allem rigorose Unterbrechungen zeigen Wirkung, wobei die Akteure der Bühne auch hier oftmals versuchen, das gespielte Stück wieder aufzunehmen oder „heimlich“ weiterzuspielen (z.B. im dunklen Teil des Raumes).


Dies ist unsere Bewusstseinsbühne. Wir dürfen getrost annehmen, dass sich auch im unbeleuchteten Teil des Raumes Szenen abspielen die mehr oder weniger mit dem, was im beleuchteten Teil geschieht interagieren und Bezüge dazu haben (wahrscheinlich je nach dem, wie nahe oder wie fern sie dem Licht des Beobachters sind). Der Beobachter ist die oben genannte Ich-Bewusstheit, der unbeleuchtete Teil des Raum das Unbewusste. Der Beobachter hat nur sehr wenige Möglichkeiten in das Geschehen einzugreifen. Zustände wie Schlaf (sehr herab gedimmtes Licht) oder fokussierte Aufmerksamkeit (z.B. Prüfungssituationen) verändern die Wahrnehmungen auf der „Bühne“. Der Beobachter (Bewusstsein) ist nur mittelbar Teil der Bühnenaufführung, er kann nicht herabsteigen und auf der „Bühne“ mitmachen. Seine Interaktions- und Steuerungsmöglichkeiten sind beschränkt. Trotzdem hält er sich interessanterweise für den Regisseur des unter ihm spielenden Stückes. Dies ist mein Bild für das Unbewusste und das Bewusste, bzw. die Ich-Bewusstheit.


Thomas Metzinger schreibt dazu:


Wir verfügen nun über eine Theorie, die erklärt wie subpersonale Ereignisse im Gehirn […] zum Inhalt des bewussten Selbst werden können. Wenn bestimmte Verarbeitungsstufen auf die Ebene des bewussten Erlebens angehoben und in das in ihrem Gehirn aktive Selbstmodell eingebunden werden, dann werden sie für alle Ihre geistigen Fähigkeiten verfügbar. Jetzt erleben Sie sie als ihre eigenen Gedanken, Entscheidungen oder Handlungsimpulse, als Eigenschaften, die Ihnen gehören, der Person als Ganzer. Darüber hinaus ist vollkommen klar, warum diese Ereignisse, die plötzlich im bewussten Selbst auftauchen, notwendigerweise als spontan und nicht kausal determiniert erschienen: Sie sind das erste Glied in der Kette, das die Grenze von unbewussten zu bewussten Vorgängen im Gehirn überschreitet. Deswegen haben sie den Eindruck, dass sie sozusagen „aus dem Nichts“ in ihrem Geist auftauchen. Der unbewusste Vorläufer ist unsichtbar, aber die Verbindung existiert. […] Tatsächlich jedoch ist das bewusste Erleben einer Absicht nur ein kleiner Ausschnitt aus einem komplizierten Vorgang im Gehirn.13


Oder, noch prägnanter:


Sich selbst als wollend und handelnd zu erleben hat viel damit zu tun, dass man sozusagen einen introspektiven Blick auf einen sehr kleinen Ausschnitt aus einer langen Verarbeitungskette im eigenen Gehirn wirft.14


Es gibt mittlerweile auch eine große Anzahl an wissenschaftlichen Untersuchungen und Beweisen, die darauf hindeuten, dass unser Unbewusstes unser Dasein weitgehend bestimmt. Für mich waren z.B. die Untersuchen von Benjamin Libet hier einschneidend. Libet konnte an Menschen Versuche am offenen Gehirn machen (mit deren Einverständnis!). Er untersuchte nun in bestimmten Hirnregionen, WANN ein Mensch sich entscheidet, etwas zu tun. Die Probanden wurden aufgefordert, einen Arm zu heben, wann immer sie wollten. Dabei lief eine sehr deutlich sichtbare Uhr und die Probanden mussten sagen, wann sie sich entschieden. JETZT sagten sie und hoben den Arm. Aber ihr Gehirn zeigte an, dass das sogenannte Aktionspotential, das die Entscheidung anzeigt, jeweils schon ca. EINE HALBE SEKUNDE VORHER da war. Dies heißt, der Körper (oder: Das Unbewusste) entschied sich schon eine halbe Sekunde eher, als der Mensch (d.h. seine Ich-Bewusstheit/Der Beobachter) dies wusste.


Man kann diese Frage aber auch philosophischer angehen, nämlich durch Innenbeobachtung.

Wenn wir etwa bei einer Entscheidung, die wir getroffen haben immer weiter fragen, warum wir sie getroffen haben, werden wir irgendwann (meist recht schnell) zu einem Bereich kommen, an dem wir nur noch wissen, DASS wir uns entschieden haben, nicht aber irgendwelche Vernunftgründe dafür anführen können.15 Ein einfaches Beispiel ist die Frage: Warum habe ich ein rotes Auto gekauft? Rot ist meine Lieblingsfarbe! Warum ist rot meine Lieblingsfarbe? Ich weiß nicht, das war schon als Kind so! Wir wissen es nicht, aber wir handeln danach. Schauen wir in uns hinein, werden wir immer einen Bereich entdecken, IN DEN WIR NICHT HINEINSEHEN KÖNNEN! Das heißt, aus dem unsere Handlungsimpulse, unsere Gedanken, unsere Gefühle einfach auftauchen, ohne dass wir Zugang zu ihnen hätten. Warum habe ich plötzlich den Impuls, das Buch wegzulegen, dass ich gerade lese und einen Freund anzurufen? Warum fällt mir gerade jetzt ein, dass ich den Keller noch immer nicht aufgeräumt habe? Natürlich, davon ist unser Leben voll. Aber weshalb glauben wir dann, dass die großen Handlungen, die großen Entscheidungen unseres Lebens (den Beruf zu ergreifen, diesen Menschen zu heiraten etc.) bewusste Entscheidungen gewesen seien? Sie waren es nicht!


“Das Bewußtsein ist offenbar eine sehr neue Errungenschaft der Natur und befindet sich als solche noch in einem “experimentellen“ Stadium, das heißt, es ist zerbrechlich, von bestimmten Gefahren bedroht und leicht verwundbar"16


Trägt man alledem Rechnung, so muss man zugeben, dass Freud sehr weitgehend recht hatte: Das meiste, was in unserem Gehirn abläuft, geschieht unbewusst. Und dieses Unbewusste hat einen gewaltigen Einfluss auf uns. Man kann sogar sagen, dass unbewusste Wahrnehmungen der Regelfall sind und die bewussten – die uns natürlich besonders wichtig sind – die Ausnahme. Denn nur woran der assoziative Cortex beteiligt ist, kann uns bewusst werden. Bezeichnenderweise ist er dabei durchaus auf die Mithilfe des Unbewussten angewiesen. […] sind die Gefühle der Klebstoff, der uns zusammenhält. Ohne die unbewussten Impulse aus dem limbischen System hat der assoziative Cortex gar keinen Stoff, den er aufnehmen, reflektieren, abwägen und ausdrücken kann.“17


3.2.3Die Erschaffung der Welt – Wahrheit oder Selbstbetrug?


Wie aber entsteht denn „Welt“ in uns? Es ist das große innen-außen Problem der Philosophie. Die meisten PhilosophInnen sind sich einig, dass man von unserem Wissen um die äußere Welt und den Vorgängen im Gehirn niemals auf die tatsächliche ERFAHRUNG unserer Innenwelt wird schließen können. Hier gibt es einen unüberwindlichen Graben zwischen äußerem Wissen und innerer Erfahrung. In der AQUAL-Sicht von Ken Wilber würde man sagen, dass es hier um die Erfahrungen völlig unterschiedlicher Quadranten geht. Das Wissen um das, was bei Wahrnehmung, bei der Erschaffung der Eine-Welt-Sich in unseren Gehirnen geschieht ist eine äußere, eine ES-Sicht in einer Es-Sprache formuliert, wohingegen unsere unmittelbare Erfahrungen, dass es ein weltwahrnehmendes Ich-Bewusstsein gibt eben die Ich-Sicht ist mit der wiederum dazu passenden Sprache.


Durch die AQAL – Sichtweise wird aber eine strenge und falsche Dualität von Innen und Außen vermieden. Es ist kein entweder – oder, sondern mehrere verschiedene sowohl-als-auchs. Aber das Problem, dass wir unser kleines Ich-Bewusstsein völlig anders wahrnehmen als „die Welt, die durch unsere Sinne zu uns kommt“ bleibt natürlich bestehen.


Aber was für eine „Welt“ ist denn das? Und hat sie etwas mit dem zu tun, was da in uns erscheint?


3.2.4Der Wahrnehmungsfilter


Gehen wir doch von der belastbaren Annahme aus, dass es eine Welt gibt! Diese Welt zu negieren führt ja letztlich geradezu in den Irrsinn. Nein, Welt existiert und sie muss auch mit dem, was wir wahrnehmen, wie wir Welt erleben auf eine Art korrelieren, sonst wäre ALLES an Versuchen, irgendetwas verstehen zu wollen, ja irgendwo (über)leben zu wollen nichtig. Wir schwämmen in einem Meer von Etwas, das nicht mit uns und unserer Existenz in Verbindung steht. Es wäre wohl eine unmögliche Welt.


Nein Welt existiert und korreliert mit unserem Wissen über sie – Aber begrenzt.


Wenn ich den Warnhinweis „Achtung Lebensgefahr“ beim Überschreiten der Gleise ignoriere, bin ich mit großer Wahrscheinlichkeit ein paar Minuten später tot.

Und doch kann die Welt nicht so sein, wie wir sie wahrnehmen, wie sie in uns auftaucht!

Was unser letztendliches Bewusstsein erreicht und dort zur wahrgenommenen Welt wird ist schon durch mehrere Filter- und Veränderungsinstanzen gegangen.

Schon einmal die Tatsache, dass wir mit unseren Sinnen nur einen Ausschnitt des Existenten aufnehmen können macht uns das klar. Hörsinn. Maximaler Bereich sind 20-20.000 Hz, alles was darunter oder darüber ist nehmen wir gar nicht wahr. Und was wir wahrnehmen muss erst einmal von unserem Gehirn übersetzt werden in etwas, was wir verstehen können, in Töne. Es ist also immer mindestens eine Filter- und eine Übersetzungsinstanz zwischen der „wahren“ Welt und unserem wahrnehmenden Bewusstsein. Und so wird klar, dass es so viel an „Wirklichkeit“ geben muss, dass wir gar nicht wahrnehmen können und der Rest erst so präpariert werden muss, dass unser18 Bewusstsein es „verstehen“ kann. Ein „so sieht die Welt AN SICH aus“ kann es nicht geben, denn alles was Wahrnimmt, ob nun mit oder ohne Ich-Bewusstsein, muss diese Filter und Übersetzungsschritte vornehmen.

Aber wie kommt es nun zum Akt der Weltaneignung? Wegen der Innen-Außenproblematik19 werden wir das wohl niemals ganz lückenlos nachvollziehen können. Aber, eingedenk der Asymptote können wir uns immer mehr annähern. Erst einmal ein Zitat, das die Sichtweise Kants in Bezug auf die Frage „Wie Erkennen wir“ gut und kurz zusammenfasst:


„Jede Erkenntnis setz sich aus einem Zusammenspiel von sinnlicher Anschauung und Verstandesbegriff zusammen. Ohne diese ordnenden Kategorien wären Sie einem wilden Rauschen von Licht- und Farbblitzen und Geräuschen in allen möglichen Frequenzen ausgesetzt […].

Unsere Erkenntnis setzt sich also zusammen aus Sinnesreizen, die von außen kommen und von uns unabhängig sind, und Anschauungs- und Denkformen, die wir als unser Erkenntnisvermögen mitbringen, und mit denen wir diese Reize ordnen. Beides muss zusammenkommen. Anschauungen ohne Begriffe sind blind, Begriffe ohne Anschauungen sind leer, sagt Kant. Daraus entsteht für uns die Wirklichkeit.“20


Das ist sicher ein riesiger Schritt von den verhärteten und damit auch unfruchtbaren Positionen der Empiriker einerseits und der Rationalisten andererseits. Und doch krankt auch diese Ansicht, weil sie quasi wie alle Philosophien vor ihr vom „fertigen Menschen“ ausgeht. Viele unterschiedliche Anschauungen und Schlüsse in der Philosophie betrachten vereinfacht einen mittelalten, aber definitiv schon erwachsenen Mann als Muster der Untersuchung. Und Europäer ist er auch noch! Aber wir müssen doch alle erst einmal zu einem erwachsenen Menschen heranwachsen! Und das impliziert vor allem eines: Lernen! Wir müssen also erst einmal lernen, Menschen zu sein, erwachsen zu sein, vollständig in unseren geistigen Fähigkeiten sein.21 Aber was heißt denn „lernen“? Es ist ja kein Akt im Sinne von „vorne Daten rein, durch den Verstand durch und raus kommt der Mensch“. Vielmehr läuft das in sich immer wieder wiederholenden Schleifen und Zirkeln und Spiralen ab. Bereits vorhandenes Wissen oder Input befruchtet sich quasi selbst in   kybernetischen Zirkeln: A → B → C → A´ → B´ → C´  oder auch: A → B → C → B´ → C´ → A´ → B´´ → C´´ → B´´ → A´´  . Die tatsächlich bereits vorhandene Grundfähigkeit etwas zu lernen (z.B. eine in sich konsistente Eine-Welt-Perspektive aufzubauen) wird von Sinneseindrücken angeregt und gefestigt und das immer und immer wieder auf´s Neue, bis ein vielleicht 4 Jähriges Kind diese in sich konsistente Eine-Welt-Perspektive vollständig erlangt hat. Ebenso wie z.B. die Fähigkeit, zu sprechen.

Wir können also wohl das Innen-Außenproblem (dass wir die Eine-Welt-Wahrnehmung haben, aber nicht erklären können, wie wir zu ihr kommen, selbst dann nicht, wenn wir alle in unserem Gehirn vorgehenden Prozesse völlig verstehen würden) zu jenen Problemen legen, über die wir zwar Fragen stellen dürfen und müssen, die aber prinzipiell nicht zu beantworten sind.

Aber wir können festhalten, dass auch diese Weltwahrnehmung sich erst im einzelnen Menschen entwickeln muss, er sie also lernen muss, was er auch automatisch tut. Auch hier wird klar, dass alles erst einmal werden muss und nicht schon von vorneherein ist.



3.2.5 Der Mensch erfindet außermenschliche (Geist)Ebenen:


Meines Erachtens gibt es für den Menschen evolutionsgeschichtlich und psychologisch gute Gründe dafür, Ebenen zu erfinden, in denen ein oder viele von ihm unabhängige (und ihn vielleicht sogar bedingende) Welten und Wesenheiten existieren.

Ebenso gibt es Gründe, warum das erfinden dieser (Geist)Ebenen einfach passieren musste, ohne dass es einen Grundlegenden “Vorteil” hat, einfach aus der prinzipiellen Anlage des Menschen heraus.


Menschen träumen und können über ihre Träume nachdenken und sie anderen Berichten. Auch Tiere (vor allem höhere Säugetiere) träumen offensichtlich, aber sie sind wohl kaum dazu in der Lage, sich dezidierte Gedanken zu ihren Träumen zu machen und ganz sicher können sie sie nicht anderen aus ihrer Spezies mitteilen.

Was bedeutet dies? In unseren Träumen betreten wir eine Parallelwelt, die sich in ihren Eigenschaften und ihren Bewohnern und in ihrem Aussehen deutlich von der Tagwelt/der „Realität“ unterscheidet. Nun wissen wir als kommunizierende Spezies, dass es allen anderen Menschen ebenso geht wir uns, dass alle jede Nacht in diese andere Welt übertreten. was liegt also näher, als anzunehmen, dass noch weitere solcher paralleler, für unsere Alltagswahrnehmung unsichtbare Welten existieren?22 Und ist das Fass erst einmal aufgemacht.....


Der Tod ist das Ende von uns selbst und den Menschen, die uns wichtig sind.

Dieser Schmerz, dieses existentielle Angst muss irgendwie gelindert werden. Und warum nicht annehmen, dass wir alle nach dem wir der materiellen Welt verlorenen sind in eine andere kommen?23


Fragen bedingen Antworten.

Die Welt ist voller Gefahren und Unverständlichkeiten. Die sich ihrer selbst und ihrer Welt bewusst gewordene Spezies des Homo sapiens wusste ja die allermeiste Zeit ihrer Existenz praktisch NICHTS über die Hintergründe, die Ursachen dessen, was um sie herum geschieht. Warum gibt es Tod, warum wird es nachts Dunkel, warum verbrennt Feuer Holz zu Asche, warum gebären Frauen Kinder, warum ist der Himmel manchmal lieblich und sonnig und dann wieder voller Blitze und furchtbarem Donner? Der Geist ist jetzt endlich fähig zu fragen und hat keinerlei Antworten. Ein unhaltbarer Zustand. Also warum nicht nächstgelegene Antworten nehmen, warum nicht unsichtbare Wesenheiten postulieren, die für so manche Unbill verantwortlich sind?


Wir müssen hier auch kurz innehalten und uns darüber klar werden, dass die ersten Antworten, die die Menschen sich auf die existentiellen Fragen gaben KEINE religiösen Antworten waren! Gott und Götter waren noch nicht geboren! Die meiste Zeit seiner Geschichte (de facto mehr als 90%) war die Weltsicht des Menschen animistisch. Das heißt, es gab zahlreiche, ja unzählige positive und negative Kräfte, Geister, Wesenheiten, Bedingungen, mit denen es umzugehen und die es zu bändigen oder zu unterwerfen galt. Götter sind mehr oder weniger Gestalten, die erst mit der neolithischen Revolution, d.h. der Sesshaftwerdung auf der Bühne des Geistes erscheinen. 24


Mir scheint auch, dass dem Menschen etwas innewohnt, was man einen Handlungsdrang nennen könnte. Irgendetwas in uns zwingt uns Gegebenheiten nicht nur zu erkennen und dann etwa als gegeben anzuerkennen, sondern mit ihnen umzugehen, sie umzuformen, zu manipulieren, zu erklären. Wir können nicht einfach akzeptieren, dass Menschen krank werden und sterben, wir müssten etwas dagegen TUN. Im praktischen ist das natürlich eine tolle Eigenschaft. Was, uns ist kalt. Na, dann ziehen wir doch einfach das Fell von erlegten Tieren an, das hat diese gewärmt, es wird auch uns wärmen. Wir sind in der Lage dazu, Werkzeuge zu schaffen und, was kein Tier kann, auch Werkzeuge um Werkzeuge herzustellen. Aber in bestimmten Bereichen versagen unsere rein praktischen Fähigkeiten. Und hier kommt eine Art Selbstbetrügerei ins Spiel. Quasi tun wir so, als könnten wir Wind und Regen und die Tierwelt manipulieren und ihnen, nach sehr komplexen Regeln, die Erfüllung unserer Bedürfnisse aufzwingen. Dies geht so weit, dass wir sogar bereit sind uns Wertvollstes zu opfern (Mitglieder unserer Gemeinschaft, Körperteile von uns selbst, mühsam hergestellte Werkzeuge etc.). Es ist nicht einfach nur ein Drang, zu herrschen oder zu manipulieren, es ist der tiefliegende Wunsch, nicht hilflos zu sein gegenüber einer Welt, die so unglaublich viel größer und mächtiger ist als wir. 25

Dieser Handlungsdrang ist eine unmittelbare Folge unserer menschlichen, übertierischen Fähigkeiten: Vergangenheit und Zukunft unterschieden zu können, das Wissen um unsere Sterblichkeit, die Möglichkeit, Fragen zu stellen etc. Sie ist sozusagen auch die andere Münzseite unserer Fähigkeit Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände herzustellen, quasi der Versuch, uns auch auf dem geistigen Gebiet Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände zur Verfügung zu stellen.


Ich will also diese animistisch-religiösen Tätigkeiten nicht nur auf eine Technik zur Reduzierung der Furcht-vor-der-Welt einengen. Mir scheint eher, als müssten sich solche Antworten und Tätigkeiten praktisch automatisch einstellen, wenn eine Spezies geistig dazu in der Lage ist, über den rein tierischen Horizont hinauszugehen und über sich selbst und die Bedingungen des Seins zu reflektieren. In diesem Zusammenhang fand ich es hochinteressant, dass sich weder bei unseren nächsten Verwandten im Tierreich noch sonst irgendwo auch nur ein Hauch von irgendeinem Glauben an eine unsichtbare geistige Welt finden lässt. Affen kennen keine Geisterwelt.


Ein weiterer, wichtiger Grund für die Vorstellung einer weiteren, unsichtbaren Geist-Sphäre ist der dadurch entstehende Zusammenhalt der Gemeinschaft.

Gemeinsame Riten, schamanistische Sitzungen, die Einweihung der Heranwachsenden in die Geheimnisse des Stammes schmieden die Gemeinschaft zusammen (die ja in der langen Historie der Menschen immer eine Schicksalsgemeinschaft auf Leben und Tod war). Und dies ist nicht etwas intellektuelles, nur vorgestelltes, es ist in einer solchen Schicksalsgemeinschaft eine lebendige Erfahrung, dass ihre Mitglieder durch die Riten eins werden. Die Innere Erfahrung jedes und jeder Einzelnen in der Gemeinschaft zeigt quasi, dass etwas Größeres sie zusammenhält, sie bedingt. Es entsteht das Gefühl sowohl auf der sichtbar-materiellen wie auch auf einer unsichtbar-immateriellen Ebene eingebettet zu sein (im Guten wie im Schlechten) in ein großes Ganzes. Die Gemeinschaft weiß praktisch um die Gesetze dieses Großen Ganzen und weiht ihre Mitglieder in diese Geheimnisse ein, damit diese sicher leben können. Alle Völker, die auf frühen Stufen der Menschheitsgeschichte leben (Nomaden, Jäger/Sammlergesellschaften) haben solche Gesamtsysteme für die materielle Welt und die immateriellen Welten geschaffen, die sich völlig wechselseitig durchdringen. Angepasst an die aktuellen Lebensumstände haben dies auch alle späteren Gemeinschaften getan, seien es einfache Gartenbaugesellschaften oder schon völlig sesshafte Hirten/Viehzüchtergesellschaften oder noch später die pyramidal aufgebauten, arbeitsteiligen Städtegesellschaften.26

Erst die Moderne hat versucht, eine Weltsicht zu schaffen, die ohne eine außermenschliche, geistige Ebene auskommt, in der von uns unabhängige Entitäten existieren. Dafür haben wir quasi-geistige Welten entdeckt, in der sich Natur unglaublich komplex zeigt, und die uns in unserer Alltagswelt durchaus auch wie verborgenen Geist-Sphären erscheinen können. Die Welt des ganz Kleinen (Quantenwelt) mit ihren völlig unsinnig erscheinenden Gesetzen ebenso wie die Welt des ganz Ersten (Urknall) oder die Welten des gewaltig Großen (Universum und sogar Multiversum) zusammengehalten nur von einer geheimnisvollen Sprache: Der Mathematik, die nun wirklich eine völlig immaterielle Welt für sich ist.


Die Tatsache, dass wir es einfach KÖNNEN

Wir Menschen können auf Grund unserer komplexeren Denkleistung uns etwas ausdenken, was nicht unmittelbar erfahrbar ist. Wir können Geschichten erfinden, die so gar nicht passiert sind. Das kann ganz unschuldig anfangen mit einer Erzählung, die uns widerfahren ist und die wir dann etwas “ausschmücken” Und schon sind wir in einem Bereich, in dem etwas nicht unmittelbar erfahrenes trotzdem als existent hingestellt wird. Wir können fabulieren, uns Geschichten, Wesen, Abläufe ausdenken. Also tun wir das einfach auch. Wir können uns leicht vorstellen, dass so aus ersten Anfängen (von tatsächlichen Erlebnissen) die immer weiter wachsende Vorstellung von einer Welt jenseits des materiell-sinnesmäßig erfassbaren existiert. Ein Beispiel: Eine Frau aus der frühen Steinzeit hat sich auf der Suche nach Nahrung etwas zu weit von ihrer Gruppe entfernt. Sie hört irgend ein seltsames Geräusch (sei es vom Wind, das in einen hohlen Ast fährt) und in der Sekunde gibt etwas Erde unter ihren Füßen nach und sie stürzt einen Meter tiefer. Der Gedanke, dass etwas/jemand sie warnen wollte liegt nahe und das erzählt sie ihren Mitsammlerinnen und diese tragen ähnliche “Erfahrungen” bei und irgendwann (vielleicht erst nach Generationen) wird daraus ein festgelegtes Bild, eine Idee, eine Wesenheit mit einem Namen.



Unsere psychische Tendenz, Dinge zu vermenschlichen, unsere Bewusstseinsmöglichkeiten in sie hineinzuinterpretieren.

Damit ist gemeint, dass wir Dinge gerne und prinzipiell vermenschlichen (siehe unten bei der kindlichen Entwicklung). Wir reden mit Dingen, mit Gegenständen wie mit einem menschlichen Gegenüber (“Jetzt mach doch endlich einen Kaffee, blödes Ding” sagen wir zur streikenden Kaffeemaschine) Und wir reden mit unserer Katze wie mit einem kleinen Kind, obwohl wir genau wissen, dass das Tier das nicht versteht. Wir projizieren also unsere geistigen Möglichkeiten (wie absichtsvolles Handeln oder das verstehen komplexerer Vorgänge) in Dinge oder Lebewesen, die diese Möglichkeiten gar nicht haben. Das geschieht völlig automatisch und auch dann, wenn wir uns über die “Unsinnigkeit” dieser Tendenz vollkommen klar sind. (ich MUSS so mit meiner Katze reden, ich wüsste gar nicht, wie ich sonst mit ihr reden sollte oder wenn ich nicht mit ihr spräche würde ich mich unwohl fühlen).

Von dieser Vermenschlichungstendenz zum tatsächlichen Glauben an innewohnende Kräfte und Geister und Wesenheiten ist es nur noch ein kleiner Schritt.

In die selbe Richtung geht die so genannte „Pareidolie“27. In Felsformationen, Teppichmustern oder Wolkenformationen sehen wir ganz automatisch Gesichter, Grimassen, Wesen. Und so scheint alles belebt und beseelt zu sein, wohin wir auch blicken.


Der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan hat die treffende Formel eingeführt, dass der Mensch immer nach einem „Subjekt“ suche, „dem unterstellt wird zu wissen“. Dies nennt er das „sujet supposé savoir“. Damit beschreibt er ein ganz alltägliches Phänomen.28


Fazit: Das Fantastische, das Andersweltliche, das, was man im „realen“ Außen29 nicht wahrnehmen kann, was wir uns als kreativ-fantasievolle Menschen „dazu denken“, ist ein Teil unserer Noussphäre, gehört essentiell zu uns als selbstreflektierende Wesen. Wir sind auch Welten erschaffende Wesen! Und so folge ich dem Philosphen Markus Gabriel, der behauptet, Einhörner würden existieren. Und das tun sie auch, in der Noussphäre, aber wohl auch nur dort!


3.2.6 Ontogenese versus Phylognese


Der Gedanke kommt ursprünglich aus der Biologie. Es gibt interessante Ähnlichkeiten der Embryonalentwicklung eines Menschen (Ontogenese) mit der stammesgeschichtlichen Entwicklung aller Lebewesen der Erde (Phylogenese).


Die biogenetische Grundregel sagt: „Die Ontogenese rekapituliert die Phylogenese.“


Ich weiß durchaus, dass man diese beiden Bereiche Ontogenese und Phylogenese nicht einfach parallelisieren darf und eine gewisse Vorsicht geboten ist bei den Vergleichen. Und doch gibt es genügend Gemeinsamkeiten, dass ein Aufhorchen gerechtfertigt scheint.


Beispiele für den Zusammenhang zwischen Ontogenese und Phylogenese finden sich bei den meisten vielzelligen Tieren sowie – eingeschränkt – auch bei Pflanzen:

  • Einige Urmünder (Protostomia) und Neumünder (Deuterostomia) bilden einen Blasenkeim (Blastula) aus, in die sich dann der Urdarm (Archenteron) einsenkt. Das dadurch entstehende (Gastrula-)Stadium ist anatomisch einem Hohltier ähnlich.
  • So bildet auch der Mensch im Alter von wenigen Wochen nach der Befruchtung in der Halsregion Kiemenspalten aus. Einige Kritiker sind der Ansicht, dass es sich dabei um eine unzulässige Interpretation dieser unausgebildeten Organe als vermeintliche „Kiemen“ handelt. Doch gibt es keine schlüssige Deutungsalternative für diese Strukturen, die genau dort auftreten, wo Kiemen zu erwarten wären.
  • Noch vor der Wirbelsäule wird die Chorda angelegt, wie sie bei Lanzettfischchen zu finden ist.
  • Der Fetus weist am ganzen Körper eine Behaarung, das sogenannte Lanugohaar, auf.
  • Der menschliche Embryo besitzt eine Schwanzwirbelsäule, die annähernd so groß ist wie bei einem entsprechenden Schweineembryo und erst später reduziert wird.
  • Larven von Plattfischen, zum Beispiel der Scholle oder Flunder, haben ihre Augen noch auf jeder Körperseite, so wie andere Fische. Erst in der weiteren Entwicklung wandert ein Auge auf die künftige Oberseite.30

Was uns aber viel mehr interessiert, und was mich schon seit Jahrzehnten beschäftigt ist, dass es auch in der persönliche geistigen Entwicklung des einzelnen Menschen (Psychogenese) verblüffende Ähnlichkeiten gibt zur geistigen Entwicklung der Menschheit über die Jahrtausende hinweg.



Der Mensch ist ja nachweislich eine Frühgeburt. Erst nach ungefähr einem Jahr ist sein Gehirn ausgewachsen (was es bei allen Tieren zum Zeitpunkt der Geburt schon ist) und seine motorischen Fähigkeiten entsprechen dann ungefähr denen neugeborener Affenkinder. Hier ein kurzer Überblick über die Phasen kindlicher Entwicklung nach Piaget31



     Sensomotorische Phase

 0 bis 2 Jahre - Säuglingsalter

   

 In den ersten beiden Lebensjahren sammelt ein Kind Erfahrungen
­ mit seinen Sinnesorganen (senso = sinnlich, die Sinne betreffend) und
­ mit seinem Bewegungen (Motorik = Bewegungsvorgänge).
Mit jedem Lebensmonat werden die Bewegungen des Kindes besser, da das Kind verschiedene Möglichkeiten variiert und zunehmend koordiniert.

Während des sensomotorischen Stadiums der kognitiven Entwicklung tritt die Intelligenz nur in Form von motorischer Aktivität als Reaktion auf sensorische Reizung auf

 


     Präoperationale Phase

 2 bis 7 Jahre - Kindergarten- und Vorschulalter

    

 Das Denken ist noch voll mit logischen Irrtümern, da das kindliche Denken mehr von der Wahrnehmung als von der Logik beherrscht wird. So glauben Kinder zu Beginn der präoperationalen Phase beispielsweise, dass aus einem Junge ein Mädchen werden kann, wenn er Spielsachen von Mädchen (z.B. Puppen) spielt.

  Und hier machen wir einmal halt. Denn jetzt wird es spannend. Piaget hat nämlich genauer unterteilt in:


Anthropomorphismus  (oder die Tendenz zur Vermenschlichung)
Kinder im Kindergartenalter neigen zur Vermenschlichung von Gegenständen. Tut sich ein Kind beispielsweise an einem Tisch weh, so ist es der böse Tisch, der absichtlich im Weg stand bzw. dem Kind absichtlich weh tun wollte.


Diese Tendenz ist schon nahe verwandt mit der Belebung aller Dinge im Animismus. Dinge wollen uns Böses oder Gutes, haben also Intentionen wie wir. Piaget bezieht das auf Kinder, aber wenn wir uns selbst ein wenig hinterfragen bemerken wir, dass sogar wir modernen, aufgeklärten Menschen diese Tendenz haben und sie immer und immer wieder auftaucht. Wer schimpft nicht mit dem „blöden“ Computer, der mal wieder nicht tun „will“ was wir wollen? Unsere Sprache ist voll von Anthropomorphismen. Wir können mittlerweile davon abstrahieren und sind uns „eigentlich“ im Klaren darüber, das dies nur Gegenstände sind, die überhaupt nichts „wollen“. Aber wenn wir nun den Menschen der Steinzeit nehmen (und Steinzeit war, wir erinnern uns, nicht irgendwann vorgestern, sondern dauerte über 95% unserer Entwicklungsgesschichte!) dann hatten diese Jäger und Sammler ganz offensichtlich NICHT die Möglichkeit, sich selbst zu hinterfragen und zu erkennen, dass sie in den Dingen (wie Kant sagt) nur das Fanden, was sie selbst in sie hineinlegten. Für sie WAREN die Dinge belebt und voller Absichten. Ebenso wie das Kind dies glaubt und nicht abstrahieren kann.

Aber gehen wir weiter mit Piaget:


Magisches Denken
Im Vorschulalter ist das kindliche Denken oft magisch: Gegebenheiten werden dem Wirken höherer Mächte zugeschrieben. Entgegen naturwissenschaftlichen Erklärungen erachten die "magisch denkenden" Kinder Phänomene als durch höhere Kräfte gesteuert.


Egozentrismus32
Ab ca. 4 Jahren (intuitive [anschauliche] Phase) vermindern sich zwar einige "logische Irrtümer", dennoch ist das Denken sehr egoistisch und stark dominiert von der Wahrnehmung. Das Kind denkt egozentrisch: Es hat seine Ansicht und hält seine Ansicht für die einzig mögliche und somit auch für die einzig richtige Ansicht.
"Ein egozentrisches Kind ist unfähig, sich die Sichtweise anderer zu eigen zu machen."
Lefrancois (1994, 131)
"Egozentrismus meint hier nicht Ichbezogenheit, sondern die Schwierigkeit, sich eine Szene aus der Sicht eines anderen vorzustellen."
Zimbardo Gerrig (1999, 465)
Es sei angemerkt, dass Egozentrismus NICHT mit Egoismus zu verwechseln ist, sondern die eigene Sichtweise des Kindes meint.

Das Kind hält seine (aktuelle) Ansicht für die einzige Ansicht, nicht für eine unter vielen.


Auch das, was Piaget „Magisches Denken“ nennt ist uns ja von steinzeitlich lebenden Völkern bekannt. Ich möchte jetzt nicht weiter auf die Beweisführung eingehen, sondern vielmehr ein Problem ansprechen, das entsteht, wenn man die psychische Entwicklung eines Individuums mit der Entwicklung einer Art gleichsetzt. Dies ist nämlich nicht eins zu eins möglich. Ich denke mir das folgendermaßen: Es besteht erst mal kein so wesentlicher Unterschied zwischen der Denkwelt eines Menschen und der Menschheit an sich. Wenn nun die Welt des Kindes Phasen durchläuft, die man als Animistisch oder magisch-mythisch bezeichnen kann, ist es nicht so weit hergeholt, dass auch die Menschheit solche Entwicklungen durchmacht. Dennoch gibt es natürlich das Problem, dass die Psychologie (Piaget insbesondere) sagt, dass ein Erwachsener ALLE Stufen der Entwicklung durchlaufen muss, sonst müsste er als debil angesehen werden. D.h. auch die Stufen, die NACH der „präoperatonalen Phase“ kommen, (nämlich die konkret operationale und die formal operationale) müssen für eine vollständige Reifung durchlaufen werden. Wenn wir nun etwa behaupten wollen, die Menschen der Steinzeit z.B. hätten in ihrer persönlichen Entwicklung bei der präoperationalen Phase halt gemacht, behaupten wir im Prinzip sie hätten sich ihr Leben lang im Geistesstadium eines vierjährigen Kindes befunden. Das ist aber nicht möglich, weil sich, wie wir alle wissen, vierjährige Kinder nicht selbst erhalten können, weil ihr Geist (selbst wenn der Körper ausreift) nicht in der Lage wäre, die Komplexitäten des Lebens und Zusammenlebens zu meistern. Meine These ist daher, dass die Menschen der Steinzeit ebenfalls alle vier Stufen bis zur vollständigen Reifung durchmachten, aber auf Grund ihrer Sozialisation und ihrer Kultur sehr viel stärker in der präoperationalen Stufe verhaftet blieben und sozusagen „zweigleisig“ fuhren, d.h. sie gingen zwar im großen Zusammenhang davon aus, dass die Welt beseelt und mit Eigenwillen ausgestattet ist, aber im kleinen, täglichen (d.h. in der Alltagswelt, in der sie bestehen mussten) gingen sie davon aus, dass sich z.B. der Stein, den sie nach einem Tier warfen nicht plötzlich entscheiden würde wo anders hin zu fliegen. D.h. in der Alltagserfahrung und im Umgang miteinander handelten und dachten sie wie heutige Erwachsene, aber ihre Kultur und ihre Sozialisation „zwangen“ sie quasi, die Welt animistisch und magisch-mythisch zu sehen. Ich glaube, solche „Alltagsschizophrenien“ sind überhaupt nichts ungewöhnliches. Wir erinnern uns z.B. an die Beobachtung von uns selbst, ganz unbewusst Gegenstände zu verlebendigen (den so unglaublich widerspenstigen PC, der einfach nicht tun will, was wir wollen oder das vermaledeite Auto, das natürlich genau dann, wenn wir es am wenigsten gebrauchen können streikt). Wenn man uns aber fragen würde, ob ein PC oder ein Auto eine autonomes Eigenleben haben würden wir das lachend (und ehrlich) verneinen. Auf einer anderen Stufe kann man auch bei religiösen Menschen solche Schizophrenien entdecken, wenn sie zwar vielleicht schlimme Schicksalsschläge als von Gott gewollt ansehen, aber in den kleinen Alltäglichkeiten nur die naturgegebenen Prinzipien annehmen. Auch sie unterscheiden dann (völlig unbewusst natürlich) verschiedene Lebensbereiche und legen ihnen unterschiedliche „Gesetz“mäßigkeiten zugrunde.

Damit möchte ich auch einer (nicht unberechtigten!) Kritik entgegenwirken, dass solche Ansichten einer „geistigen“ Entwicklung der gesamten Menschheit bestimmte Völker oder Gemeinschaften als „unterentwickelt“ oder „nicht hochstehend“ betrachtet werden. Zum Einen kann, nach den obigen Ausführungen, gesagt werden, dass das nicht für den einzelnen Menschen gilt und zum anderen sollte man sich auch hüten davor, eine „höhere“ Stufe mit einer „besseren“ Stufe gleichzusetzen. Jede Entwicklungsstufe der Menschheit hat neue Möglichkeiten und neue, nie dagewesene Probleme gebracht. Hier ist nicht der Platz, dies in aller Ausführlichkeit zu bearbeiten. Gerade Ken Wilber hat hier in starkem Maße geforscht und viele Aspekte sehr ausführlich bearbeitet. Die Lektüre seine Bücher empfehle ich in dieser Beziehung sehr! So sehr ich allerdings seine Analyse hier schätze, so wenig kann ich ihm bei den Schlüssen, die er zieht folgen. Ich denke NICHT, dass die Menschheitentwicklung irgendwie auf einen ominösen Omegapunkt, ein gewaltiges spirituelles Bewußtsein hinausläuft33

Mein Bild einer „Menschheitsentwicklung“ ist ein anderes. Wir nehmen als gegeben, dass sich das individuelle, einzelne Bewusstsein entwickelt, von der einfachsten Stufe des Neugeborenen aus immer komplexer und dann über die pupertären Stadien hinein in ein Erwachsenenbewusstsein. Das sich dann zwar nicht mehr essentiell ändert (man könnte sagen, keine emergenten Sprünge mehr macht), aber sich doch graduell weiter wandelt mit fortschreitendem Alter.34 Und wir nehmen auch einmal an, dass es eine Art systemisches Lernen gibt, das weite Teile der Menschheit umfasst und es uns ermöglicht, uns als Spezies Homo sapiens insgesamt geistig weiter zu entwickeln (erst in ihren besten Gliedern, dann aber auch in weiten Teilen der Menschengemeinschaft), dann müssen wir schon auch fragen dürfen, nach welchen Gesetzmäßigkeiten läuft das ab, worauf läuft es hinaus. Meine These ist. dass sich auch solch ein systemisches Menschheitsbewusstsein ähnlich wie in einem Individuum entwickelt. Das sozusagen die Menschheit erst einmal eine kindliche Sichtweise der Welt hat, die sich dann Stufe um Stufe erweitert, komplexer wird, sich der „Wirklichkeit“ mehr und mehr annähert35. Um es konkreter zu machen, möchte ich einmal sehr grob drei Stadien aufzeigen, die für mich bis dato stattgefunden haben, respektive gerade statt finden:

  • Stadium: Magisch-Animistische Weltsicht der Jäger/Sammler-Gemeinschaften
  • Nach der neolithischen Revolution mit all ihre Implikationen entsteht die religiös-mythische Weltsicht
  • Mit der Aufklärung entwickelt sich die rational-wissenschaftliche Weltsicht


Wir können dabei festhalten, dass jede dieser (sehr groben!) Stufen ihre eigene technische Entwicklung hat ebenso wie ihre eigenen Moralvorstellungen oder soziologischen „Modelle“. Wenn sich nun bestimmte Bedingungen in den Menschengemeinschaften wandeln (seien es neue Techniken, das Sesshaft werden oder andere gesellschaftliche Bedingungen), dann wandelt sich alles. Für mich ist die Idee, dass sich alles wechselseitig bedingt und in kybernetischen Kreisläufen36 (oder in hermeneutischen Zirkeln37, wie man will) quasi „schwingt“ ein naheliegender, durch die Menschheitsgeschichte leicht nachzuvollziehender Gedanke. So kann man z.B. feststellen, dass sich die Gemeinschaft zu der man sich „theoretisch“ zugehörig fühlt immer größer wurden. War es Anfangs nur die Horde und die zugehörigen Totems38, so wurde es mit der Sesshaftwerdung das Dorf, dann die Stadt (die schon viele tausend Personen umfassen konnte, danach Königreiche, Nationen) u.s.w. Damit wiederum änderten sich Moralvorstellungen, Herrschaftsstrukturen etc. pp.


Ich möchte nun, an Hand der drei großen Entwicklungsstadien folgende These aufstellen:


Die Jäger/Sammler Gemeinschaften entsprechen einem Zustand früher Kindheit mit Merkmalen wie Animismus, noch wenig differenzierten geistigen Vorstellungen, wenig „Hinterfragen“ der eigenen Vorstellungen etc.

Die neolithische Revolution brachte dann eine große Umorganisation aller Lebensbereiche, der Mensch orientierte sich nun an „höheren“ Wesen, die „Über“ ihm lebten. Er versuchte, nach ihren Gesetzen zu leben, eingebettet in die, ebenfalls unhinterfragte, arbeitsteilige Gesellschaft. Aber das geistige Leben wird nun weitaus reger, Schrift entsteht, Gewichte werden Erfunden, man versucht die Bewegungen der Sterne zu verstehen und Voraussagen zu treffen. Das magisch-mythische gewinnt an Oberhand, Götter treten auf die Bühne. Dies nun kann man als Entsprechung zu Kindern sehen, die in Schulalter kommen. Sie sind stark an ihren Eltern orientiert (Nachahmung), sind in der Lage Lesen, Schreiben, Rechnen zu lernen, denken eher magisch-mythisch, haben auch ein reicheres geistiges Leben (sie „schauspielern, lernen sich rhythmisch zu bewegen etc.) Ich will das, wie gesagt, nicht zu weit treiben, aber Ähnlichkeiten sind durchaus vorhanden. Für mich sind z.B. die in der Menschheitsgeschichte nun auftauchenden Götter Elternimagos, d.h. sie haben hochähnliche Bedeutung für die (erwachsenen) Menschen wie die realen Eltern für die Kinder.


Nun zur Moderne. Hier findet eine gewaltige Loslösung und Emanzipation statt. Wir lösen uns von den Elternimagos39, den Göttern, wir machen uns ein eigenes Bild von der Welt und der Natur, wir rebellieren gegen überkommene Denkgewohnheiten. Sieht das nicht sehr nach den Zeiten der Pupertät aus? Die Zeit, in der der Mensch eigenständig wird, erwachsen wird, seinen eigenen Platz in der Welt sucht. Und ist nicht z.B. auch jenes Merkmal zu finden, das uns sicher auch ein wenig Sorge machen muss, das der Hybris, dieses, „wir können alles und uns kann nichts (etwas anhaben)“, was auch die Gefahr jener Entwicklungsphase ist.40 Ich behaupte also, das ein Teil der Menschheit übergetreten ist in ein Stadium, das man die „Reifung zum Erwachsenwerden“ nennen könnte in unserem Bild von der Menschheit, die eine dem Einzelnen ähnliche Entwicklung durchmacht.


Ich habe bis dato noch nirgends etwas gelesen oder gehört, was diesen Gedanken so beschreibt. Zwar parallelisiert z.B. Wilber die Kindheitsentwicklung ebenfalls mit der Entwicklung der Menschheit, meint aber, dass sich das höher Entwickeln dann in immer neuen (emergenten) Stufen emporschraubt und dann den Stadien folgen könnte, die Mystiker wohl durchlaufen, wenn sie sich weiterentwickeln. Ich kann den Gedanken so nicht nachvollziehen. Mir scheint es weit wahrscheinlicher zu sein, dass wir ganz profan nach diesen großen Sprüngen in ein Stadium gelangen, das der Reife und Kraft des Erwachsenseins entspricht, um dann langsam (als Spezies!) zu altern und am Ende zu sterben. Ja, wir können vielleicht sogar dieses Gedankenspiel der Parallelisierung noch weiter treiben und uns überlegen, ob die Menschheit nicht irgendwann sogar etwas hervorbringt, was man als Nachfahre oder Nachfolger bezeichnen könnte. Natürlich wird es hier hochspekulativ, aber ich sehe keine prinzipiellen Hinderungsgründe für solche Gedankenspiele. Wenn es gelingt z.B. künstliche Intelligenz zu erschaffen, dann könnte diese uns eines Tages als eigene Spezies ablösen. Doch dies nur als Gedanke am Rande, der vielleicht später weiter ausgeführt werden wird.


Zum Ende dieses Abschnittes ein kleines Zitat und eine verblüffende Tatsache. Erst das Zitat:


Die großen Leidenserfahrungen im Leben: Krankheit, Alter und Tod waren es, die in Indien den Anstoß zum Philosophieren gaben. „Ist es möglich, dem Leiden zu entgehen?“, das ist die Frage, die indische Denker beschäftigt.

Zu ihrer Beantwortung wird die Natur beobachtet und bald eine neue Bewußtseinshaltung erreicht; Das Denken in Bildern wird durch das Denken in Begriffen abgelöst; der Mensch erwacht zur abstrakten Vernunft. Es ist das 6. Jahrhundert v. Chr.41


Der Mensch erwacht zur abstrakten Vernunft“! Der Mensch oder Buddha? Aber es ist die sogenannte „Achsenzeit“42 Das Selbe geschieht an verschiedenen Stellen der Welt fast zugleich. Die Chinesen z.B. treten in die „Periode der hundert Schulen“ ein, in der u.a. der für die asiatische Welt so unendlich wichtige Konfuzianismus entsteht. Und die Griechen?


Es kommt darauf hinaus, dass nun diese Fragen, doch mit einem solchen ersten theoretischen Interesse an der Ordnung der Welt solche Grenzfragen stellte.43


Was hier, nicht sehr druckreif, in der spontanen Rede gesagt wird ist nichts anderes, als das, was Hans Wolfgang Schumann über den Buddhismus sagt. „...mit einem solchen ersten theoretischen Interesse“, ist doch das Selbe wie „die Ablösung der Bilder durch das Denken in Begriffen“. Es scheint, das sich ungefähr zur gleichen Zeit auf einem großen Teil der Welt (Immerhin ein großer Raum zwischen Griechenland, Indien und China) neue Möglichkeiten des Denkens etablierten.

Noch einmal Piaget mit einer kurzen Beschreibung seiner letzten Entwicklungsphase, der sogenannten:



     Phase der formalen Operationen

 abca. 12 bis 15 Jahre - Jugendalter

    

 Mit dem Erreichen der Phase der formalen Operationen ist das Individuum in der Lage, Probleme vollständig auf einer hypothetischen Ebene zu lösen. Logische Schlussfolgerungen sind ebenso möglich, wie das geistige Variieren von Variablen.
Ein Jugendlicher kann sich auch mit unrealistischen Annahmen auseinandersetzen, was in verschiedenen Wissenschaften eine wichtige Rolle spielt: "Was wäre wenn..."
Die Jugendlichen sind in der Lage, hypothetische Fragen zu stellen ("Was wäre, wenn jemand Augen am Hinterkopf hätte?") und sich logische Beweise für abstrakte Probleme ausdenken.
44

 

Möge sich jede und jeder ihre/seine Gedanken dazu machen!

itiv/piaget.htm


1 Aus: Ursula K. Le Guin: Tehanu

2 Aus: „Die unbekannte Macht“ Peter F. Hamilton, S.57

3 Aus: Anthropologie und Ethik bei Arnold Gehlen

Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München vorgelegt von Bernhard Beller

4 Eine sehr gute und ausführliche Erläuterung der TOM gibt es in dem Buch „The Human Story“ von Robin Dunbar

5 Robert M. Pirsig „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ Fischer S. 255

6 Ich rede hier nicht davon, dass wir uns nicht im laufe eines Lebens verändern könnten, sondern von selbstinduzierten, durch die Ich-Bewusstheit initiierten Veränderungen. D.h. durch einen eigenen „Willen“ verursachte Veränderungen von Verhalten, Weltbezugnahme, Persönlichkeitsstrukturen etc.

7 Aus: Kevin Hearne: „Gejagt“ Die Chronik des eisernen Druiden Band 6

8 Aus Wikipedia: „Die geläufige Übersetzung von oîda ouk eidōs (οἶδα οὐκ εἰδώς) trifft nicht den Sinn der Aussage. Wörtlich übersetzt heißt der Spruch „Ich weiß als Nicht-Wissender“ bzw. „Ich weiß, dass ich nicht weiß“. Das ergänzende „-s“ an „nicht“ ist ein Übersetzungsfehler, da die Phrase „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ auf Altgriechisch οἶδα οὐδὲν εἰδώς (oîda oudén eidōs) heißen würde“.

9 Aus: Thomas Metzinger „Der Ego Tunnel“ Piper 2014 S. 47

10 Natürlich gibt es, wie immer, Übergangsphänomene, etwa bei Schimpansen, die lernen über einfache Wortkombinationen (durch einen Apparat ausgedrückt, denn Sprechen können sie ja aus physiologischen Gründen nicht) äußere und innere Zustände zu einem gewissen Maß aufzuzeigen.

11 Aus: Thomas Metzinger „Der Ego Tunnel“ Piper 2014 S. 48f

12 Ich bin aber überzeugt davon, dass alle mit einem zentralen Nervensystem ausgestatteten Lebewesen diese „Eine-Welt Erfahrung“ in der einen oder anderen Form besitzen. Und es damit sicher viele viele Millionen Jahre alt ist.

13 Aus: Thomas Metzinger „Der Ego Tunnel“ Piper 2014 S. 196

14 Aus: Thomas Metzinger „Der Ego Tunnel“ Piper 2014 S. 192

15 Im Prinzip wenden wir hier die sokratische Methode auf uns selbst an und stellen uns selbst bloß als Menschen, die nur glauben, etwas zu wissen über sich selbst, die aber nach einigen bohrenden Fragen zugeben müssen, dass sie eigentlich keine Ahnung haben, wovon sie da schwadronieren. „Je mehr ich über mich nachdenke, desto mehr weiß ich, das nicht weiß wer oder was ich bin“

16 Aus: C.G. Jung „Traum und Traumdeutung“ S. 16

17 Aus: Richard David Precht „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Goldmann Taschenbuch S. 94

18 Hier sind wir ja wieder in dem Bereich, in dem unser Bewusstsein mit dem der Tiere, vor allem der höheren Tiere,übereinstimmt, denn niemand wird ernsthaft bestreiten wollen, dass Tiere Welt ja auch wahrnehmen und entsprechende reagieren (wenn ein Hindernis im Weg ist, geht man drum herum, wenn eine Maus vorbeiläuft ignoriert man sie, wenn „man“ ein Schwein ist und versucht sie zu fangen und zu fressen, wenn man eine Katze ist.)

19 Dass von äußeren Begebenheiten oder Fähigkeiten nicht auf das unmittelbare innere Erleben geschlossen werden kann und zwischen diesen Bereichen auch kein kausaler Erklärungsansatz gefunden werden kann.

20 Aus: „Grundwissen Philosophie“ Siegfried König ISBN: 1492345822

21 Man denke nur an die sogenannten Wolfskinder, die nicht von Menschen, sondern von Tieren groß gezogen worden waren und bestimmte, dem Menschen zugehörige Fähigkeiten wie das Sprechen nie gelernt haben. Wie alle Menschen ohne geistige Behinderung hatten auch diese Kinder die prinzipielle Möglichkeit, bestimmte Dinge und Geisteszustände und Fähigkeiten zu lernen. Allerdings wohl nur in einem bestimmten „Zeitfenster“. Bekamen sie den nötigen Input nicht innerhalb dieser Zeitfenster, lernten sie es später niemals. Also zeigt das doch deutlich auf, dass es quasi drei Bedingungen geben muss: Die prinzipielle Fähigkeit zu etwas (Verstand), den entsprechenden Input (Sinnesdaten) und den richtigen Zeitpunkt (Was uns wieder zu Kants Raum und Zeit a priori zurück bringt).

22 Zumal wir ja auch ohne zu schlafen durch bestimmte Techniken oder Substanzen in solch „parallele“ Welten gelangen können!

23 Aber da der Mensch ein hochkomplexes Wesen ist, sind auch seine Reaktionen auf bestimmte Ereignisse und Reize nicht immer linear zu nennen. So sind die Verstorbenen, die Ahnen für manche Urvölker auch eine Gefahr und sie müssen sich mit allerlei Maßnahmen davor schützen, von den Verstorbenen negativ beeinflusst zu werden.

24 Im Animismus fällt besonders auf:

  • das Fehlen jeder Form von allmächtigen Göttern oder einer Idee des Göttlichen, obgleich es meist ein „höchstes Wesen“ gibt:
  • das Fehlen von Metaphysik: Es ist gerade die unmittelbare Natur, die selbst beseelt ist, und die sich durch Naturereignisse ausdrückt und auf diese Weise unmittelbar mit dem Menschen kommuniziert;
  • das Fehlen von sakralen Bauten;
  • die Existenz religiöser, aber auch alltäglicher Regeln, die unmittelbarer Naturerfahrung entspringen.

Aus: Wikipedia, entsprechender Artikel
25 Und vielleicht ist auch unsere moderne Tendenz, unser Bewusstsein (oder, populärer: unser ICH) als den Herrscher unseres Seins darzustellen, obwohl doch alle beobachtbaren Tatsachen gegen diese Vermutung sprechen. Wir fühlen uns als Herr im eigenen Hause und sind es doch gar nicht. Eine moderne Variante der alten Selbstbetrügerei.

26 Wer sich hiermit tiefer beschäftigen möchte, dem Empfehle ich Joseph Campbells monumentales Werk: „Die Masken Gottes“. Ich bin zwar nicht mit allen Schlußfolgerungen Campbells einverstanden, aber seine Sammlung von Fakten und seine Art, diese darzulegen sind absolut unerreicht!

27 Pareidolie (altgriechisch παρά para, deutsch ‚daneben‘, ‚vorbei‘ und εἴδωλον eídolon, deutsch ‚Form‘, ‚Erscheinung‘, ‚(Trug-)Bild‘, ‚Schattenbild‘, theologisch auch ‚Götzenbild‘) bezeichnet das Phänomen, in Dingen und Mustern vermeintliche Gesichter und vertraute Wesen oder Gegenstände zu erkennen. (Wikipedia)

28 Aus: Markus Gabriel „Warum es die Welt nicht gibt“ Ulstein 2015 S. 183

29 Wir denken immer daran: Die äußere Realität, auf die sich unsere innere Eine-Welt-Wahrnehmung bezieht ist faktisch, ist real, nur nicht so, wie wir sie wahrnehmen mit unseren Sinnen und unserer inneren Korrelation dazu.

30 Aus: Wikipedia: Artikel „Biogenetische Grundregel“

31 Alle folgenden Zitate aus: http://www.uni-due.de/edit/lp/kognitiv/piaget.htm

32 Hiermit ist m.E. eine nieder Stufe von „ToM“ gemeint. D.h. die Fähigkeit zu einer komplexeren Theory of Mind ist nicht angeboren, sondern muss gelernt werden. Angeboren ist nur die MÖGLICHKEIT zu einer höheren ToM!

33 Ich will hier nicht näher auf sein Modell eingehen. Wen es interessiert, kann es nachlesen!

34 Es gibt ja mit fortschreitendem Alter auch weiterhin allgemeine Erfahrungen, wie die des Nachlassens der eigenen Kräfte, die Erfahrung des Todes von Menschen, die einem nahe und wichtig sind etc.

35 So weit man sich der Wirklichkeit eben annähern kann – Siehe das Bild der Asymptote

36 Einfach formuliert: eine Veränderung in A wirkt sich auf B aus, das wiederum auf C einwirkt, das dann wieder mit A verbunden ist und dieses erneut Verändert.

37 Aus Wikipedia, entsprechender Artikel: „Das Verstehen des Sinns kultureller Äußerungen (Darstellungen, Kunstwerke, Texte usw.) ist an bestimmte Vorbedingungen (Vorwissen und Vorannahmen, Werturteile, Begriffsschemata usw.) von Interpreten gebunden, die im Regelfall nicht mit jenen der Produzenten deckungsgleich sind. Der Prozess der Annäherung beider „Verstehenshorizonte“ ist fortschreitend und schließt niemals ab. Die Vorstellung eines Zirkels (d. h. einer Kreisbewegung) entspricht dabei der Tatsache, dass es keinen objektiven, von sicherem Standort beginnenden und linearen, direkt zielführenden Weg zum Sinn eines Textes oder Kunstwerks gibt, sondern der Verstehende sich erstens bereits in einer verstehenden Annäherungsbewegung befindet und sich dabei zweitens, wenn er sich nicht ohnehin nur „im eigenen Kreise dreht“, dem Verstehensziel bestenfalls in einer Spiralbewegung annähern kann, ohne doch je zu einem vollständigen „Verständnis“ des Objektes seines Interesses gelangen zu können. „

38 Die Jäger/Sammlergemienschaften waren ja oft nur 10-20 Personen große, die sich aber wiederum mit anderen Gemeinschaften, die sie als zugehörig empfanden, trafen, oft in großen Treffen, um z.B. wechselseitig Heiraten etc. zu arrangieren, was Genetisch gesehen absolut notwendig war.

39 Hier ist, als kleine Randnotiz, auch folgendes interessant. Man darf Annehmen, dass die ersten Göttlichen Gestalten, bzw. deren Vorläufer, weiblich waren (die große Matrone der späten Steinzeit), dann aber von männlichen Gottheiten verdrängt wurden, dann abgelöst von dem Einen Gott (der nur noch Mann ist, d.h. sogar die untergeordneten weiblichen Gottheiten des Polytheismus verdrängt hat). Für Kinder aber ist immer erst einmal die Mutter DIE Bezugsperson, in praktisch allen Kulturen. Der Vater aber hat dann die Aufgabe, das schon größere Kind in die Gemeinschaft einzuführen, d.h. er steht für die Regeln der Gemeinschaft (zugegebenermaßen gilt das mehr für die Jungen als für die Mädchen, die der Mutter natürlich näher bleiben). Und ist diese Abfolge nicht dieselbe, wie die der Götter/Göttinnen, die wir uns geschaffen haben? Erst die weiblichen Figuren, die uns leider heute so namenlos bleiben, obwohl sie in schriftlicher Zeit noch durchaus mächtige Vertreterinnen hatten, dann die herrschenden männlichen Götter der Polytheistischen Religionen, und hernach der von Regeln nahezu Besessene, EINE Gott, der uns bis heute tyrannisiert? Der Übervater schlechthin?

40 So ist ja bekannt, das die Gefahr ums Leben zu kommen für Männer ja im Alter zwischen 17 und 22 am größten ist, zumindest in unserer Gesellschaft.

41 Aus: Hans Wolfgang Schumann „Buddhismus“ Franke Verlag 1963 S. 29

42 Wie Karl Jaspers das nennt. Siehe auch Wikipedia „Achsenzeit“

43 Hans-Georg Gadamer in der Fernsehdokumentation „Gadamer erzählt die Geschichte der Philosophie“

44 Aus: http://www.uni-due.de/edit/lp/kogn