Einleitung

Über lange Jahrtausende hinweg mögen den meisten Menschen die Antworten ihrer Horde, ihres Stammes, ihrer Stadt, ihres Volkes genügt haben um die Mysterien des Daseins zu erklären und die bohrenden Fragen zu stillen.
Aber allerspätestens seit der Aufklärung, jener unglaublich großen Zeit, die alles zuvor Dagewesene in den Schatten gestellt hat, reicht es nicht mehr aus, vorgefertigte Rezepte zu kauen und zu schlucken.
Doch bleibt schon hier eine Frage zu stellen: Ist unser Geist den überhaupt fähig, Antworten zu geben?
Ich möchte, um den obigen Gedanken differenzierter darzustellen, erst einmal Kant bemühen und aus seiner Vorrede zur 1.Auflage der „Kritik der reinen Vernunft“ zitieren:
"Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft.
In diese Verlegenheit gerät sie ohne ihre Schuld. Sie fängt von Grundsätzen an, deren Gebrauch im Laufe der Erfahrung unvermeidlich und zugleich durch diese hinreichend bewiesen ist. Mit diesen steigt sie (wie es auch ihre Natur mit sich bringt) immer höher, zu entferntesten Bedingungen. Da sie aber gewahr wird, daß auf diese Art ihr Geschäfte jederzeit unvollendet bleiben müsse, weil die Fragen niemals aufhören, so sieht sie sich genötigt, zu Grundsätzen ihre Zuflucht zu nehmen, die allen möglichen Erfahrungsgebrauch überschreiten und gleichwohl so unverdächtig scheinen, daß auch die gemeine Menschenvernunft damit im Einverständnisse steht. Dadurch aber stürzt sie sich in Dunkelheit und Widersprüche, aus welchen sie zwar abnehmen kann, daß irgendwo verborgene Irrtümer zum Grunde liegen müssen, die sie aber nicht entdecken kann, weil die Grundsätze, deren sie sich bedient, da sie über die Grenzen aller Erfahrung hinausgehen, keinen Probierstein der Erfahrung mehr anerkennen. Der Kampfplatz dieser endlosen Streitigkeiten heißt nun Metaphysik." (2)
Dieser endlose Krieg ist also nicht zu gewinnen. Was tun? Für mich ist schon lange eine mathematische Funktion hier das Schlüsselbild, nach dem ich mich richte und die es mir ermöglicht trotz der obigen, niederschmetternden Erkenntnis weiter zu fragen und weiter auch mit aller gebotenen Vorsicht zu antworten:
Es ist die Funktion der Asymptote! Eine Kurve, die sich der Basisachse (= Wahrheit/WIRKlichkeit/Realität) immer mehr annähert, ohne sie aber jemals vollständig zu erreichen. Oder erst in der Unendlichkeit. Ein wunderschönes Bild aus der Welt des „a priori“, wie Kant es nennt.
Dieses Bild hilft mir, jegliche Hybris eines absoluten „Ich habe aber recht“ zu meiden, ebenso wie andererseits mit einem verzweifelten „Ach, dass wir nichts wissen können“ (Faust) das Fragen aufzugeben. Sozusagen gibt es natürlich durchaus Meinungen/Weltvorstellungen/Philosophien, die auch von jener Kurve der Annäherung (Asymptote) meilenweit entfernt sind.
Der wahrhaft moderne Mensch muss beinahe automatisch ein faustischer Mensch sein. Dies ist sein Fluch und sein Glück zugleich. Fragend lässt er sich mit allerlei Teufeln ein, die ihn an der Nase herumzuführen gedenken und die er doch selbst an der Nase herumführen will. Dabei dürfen ihm der eigene Genuss und eine gewisse Egomanie nicht fehlen. Das, was wir individuell nennen ist immer auch ein wenig mit einer zu starken Selbstbezogenheit behaftet, die es zu erkennen gilt.
Im folgenden möchte ich einen Abriss meiner Weltsicht unterbreiten, die von vielen Denkern gefüttert wurde, durch viele und weite (Irr)Wege entstanden ist und natürlich im ewigen Fluss ist. Einem Fluss, von dem ich nur hoffen kann, dass er der asymptotische Funktion in der richtigen Richtung folgt, nämlich der der unendlichen Annäherung an etwas, das wir in Ermangelung eines besseren Begriffes „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ nennen.
FUSSNOTEN:
(1) Schelling, Friedrich, Philosophie der Offenbarung, 12. Vorlesung, Abs. 780
(2) Wobei hier Metaphysik nicht mißverstanden werden darf. Es handelt sich hier natürlich keineswegs um jenen Begriff, der modern von den esoterischen Kreisen oder der New Age Bewegung benutzt wird. Für Kant bedeutet Metaphysik „Die Bedingungen der Möglichkeit aller Erkenntnis“ Dies hat überhaupt nichts mit jener (idealistischen) Idee zu tun, es gäbe eine zweite, nichtphyikalische Ebene hinter oder über unserer sichtbaren Welt. Dazu später mehr.
Aus: Kant „Kritik der reinen Vernunft“ Vorrede zur 1.Auflage (A VII f.)