Die neue Religion
Heraustreten! heraustreten aus letztlich 4000 Jahren Geschichte! Geschichte, die einen unter einem Berg von Blut, von Gedanken, von Verzückung und Verzweiflung begräbt.
Er tritt aus der Kirche heraus, ganz physisch, ein Schritt vor dem anderen. Auf die „andere“ Art ist er schon vor Jahrzehnten ausgetreten. Aber was bedeutete das schon? Die Last bleibt auf einem, man kann dem nicht einfach entkommen.
Er holt tief Luft und sieht sich erst einmal um, versucht die Benommenheit abzuschütteln, die ihn während des Gottesdienstes, während des Ritus überfallen hat. Hier draußen ist es sonnig, ein schöner Tag, da ist Natur und irgendwie versöhnt ihn diese, wenn auch so gezähmte, vermenschlichte Natur des Vorplatzes vor der Kirche mit all den Sakramenten und all dem Jahrtausende währenden Getöse um etwas, an das er einfach nicht glauben kann. Auch nicht will. Oder doch?
Er hat sich unwohl gefühlt während des Gottesdienstes, wie einer, der eine ansteckende Krankheit hatte und das verheimlichte. Wie der Spion einer fremden Macht. Und das war ja auch so. Er gehört nicht in dieses System des Glaubens, ja, er kann sich nicht einmal vorstellen, wie es wirklich IST, an dieses große Getöse, an dieses Brimbamborium, an diesen GOTT zu glauben. Er kann es einfach nicht. Daher versteht er auch seine eigenen Gefühle; dieses Unwohlsein, aber auch die Klarheit der eigenen Gedanken, die alles um ihn her so unsinnig, so lächerlich erscheinen lassen. Und doch gibt es EIN Gefühl, das er nicht versteht, das ihn unsicher macht, ja, dessen er sich fast schämt. Es ist das Gefühl des Neids auf die Gemeinschaft. Er spürte, dass diese Riten die Kraft hatten Menschen zusammenzuschließen. Vielleicht nicht mehr in ihrer ursprünglichen Kraft heute, denn die Religion war im schwinden begriffen, zersetzt von seiner Weltanschauung, die er die Aufklärungswissenschaft nennt. Aber wenn er darüber nachdenkt, oder gar versucht, darüber nachzufühlen wie es früher gewesen sein musste, in den Zeiten vor den Galileos und den Newtons oder Darwins, als diese Riten noch WIRKLICH Gemeinschaft schufen und alle zusammenbanden dann empfindet er NEID. Danach sehnt er sich. Nicht nach den Inhalten, oh nein, aber nach dem Zusammenhalt, nach dem Gefühl, dass man eingebunden war in ein viel größeres Ganzes.
Darüber muss er nachdenken!
Er setzt sich einfach auf den Boden und lehnt sich an den Stamm der einen, großen Kastanie, die vor der Kirche steht. Er blickt auf dieses Gebäude und damit zurück in die ungeheuerliche Vergangenheit, für die es noch steht. Mehr Vergangenheit als Zukunft, viel mehr.
„Eigentlich müsste ich zufrieden sein“ denkt er, „meine Weltsicht hat doch den Sieg davongetragen. Sicher, die Religionen halten sich noch, irgendwie. Aber im Alltag, im Regierungssystem, im Weltbild hat sich doch die Aufklärungswissenschaft vollständig durchgesetzt. Sie hat sich mit ihren Voraussagen und ihren technischen Errungenschaften selbst bewiesen, was keine Religion, egal wo auf der Welt, jemals geschafft hat“.
Und doch ist er nicht zufrieden. Etwas fehlt, etwas ist über all den glorreichen Siegen von Vernunft und Wissenschaft und Aufklärung und Philosophie verloren gegangen. Aber was?
Und ihm wird klar, dass er die Antwort nicht „da draußen“ finden kann, nicht in klugen philosophischen Gedanken und Gebäuden, nicht in historischen Betrachtungen. Nur in sich, in seinen eigenen Gefühlen ist die Antwort zu finden.
Was fühlt er?
Und da ist es! Er blickt mit einem Mal in einen endlosen Brunnen, ein Loch in der Erde, völlig bodenlos, er droht hineinzufallen, jetzt, das Loch will IHN, will ihn verschlingen und es ist, als höre er ein bösartiges Lachen. Ja, das ist es, das Gefühl. BODENLOSIGKEIT!
Und dieses Loch ist gar nicht vor ihm, es ist schon längst unter ihm. Vielleicht fällt er schon sein Leben lang und wird immer weiter fallen, ohne jemals anzukommen, aufzuschlagen. Bodenlosigkeit.
DAS ist es, was verloren gegangen ist. Es ist lächerlich! der Mensch an sich ist lächerlich! Wenn wir nichts wissen und uns nur irgendwelche abstrusen Geschichten erzählen über die Welt, dann fühlen wir uns angenommen und angekommen und eingebettet in einen großen Kosmos. Aber wenn wir anfangen wirklich zu erkennen, zu wissen, zu forschen, wenn wir hinausgreifen weiter als jemals jemand es für irgend möglich gehalten hat, ja über das Sonnensystem hinaus mit unseren Sonden, diesen Boten der absoluten Moderne, dann fühlen wir uns entfremdet von der Welt, einsam, ohne Halt, ohne Anbindung, dann taumeln wir.
Er merkt, dass er fast hyperventiliert, dass ihm Schweiß auf der Stirn steht und dass sein Zustand einer Panikattacke mehr als nahe kommt.
Mittlerweile sind die Kirchenbesucher alle fort, nur noch er ist hier.
Allein.
Auch das symptomatisch, denn mit wem sollte er über seine existentiellen, seine weltanschaulichen Zweifel sprechen? Es gibt ja keine Gemeinde, keine Kirche, keine Seelsorge die ihn auffangen konnte. Natürlich, er könnte zu einer Therapeutin gehen, ha, aber das hatte immer den Geschmack von Krankheit, von psychischen Problemen. Er aber hatte keine psychischen Probleme, sondern existentielle.
Aber er wehrt sich nicht gegen die Attacke, die ihn überfallen hatte. Er weiß, er muss jetzt FÜHLEN, nicht denken. Das würde später kommen. Erst einmal musste man das Problem wirklich spüren, an sich heranlassen, nicht wegintellektualisieren. Denn das, so fühlte er, ist genau eines der Probleme der neuen Weltsicht. Sie trennt das Individuum ab vom Rest des Universums. Ganz bewusst. „Objektivität“ hieß das Zauberwort, das alles auseinanderreißt.
Er denkt an Robert Pirsig, an „Zen, und die Kunst ein Motorrad zu warten“. Der hat diese Subjekt-Objekt Trennung auch scharf angegriffen und versuchte, sie durch ein Konzept von Qualität zu ersetzen. Vor allem aber durch zwei Begriffe: Statik und Dynamik. Das schmeckt besser. Wirklich, er kann es als Geschmack im Mund empfinden, weich und samtig im Gegensatz zu Subjekt-Objekt, was die Welt zerschneidet. Hier ist die Ursache für dieses Gefühl von bodenloser Einsamkeit begründet. Fast fühlt er sich erleichtert. Er hat dem existentiellen Schrecken in die Augen geschaut, sich nicht weggeduckt und fühlt, dass ihn ein Ariadnefaden aus dem Labyrinth herausführen kann, er darf ihn nur nicht loslassen. Dynamik und Statik. Diese beiden konnten miteinander Tanzen und sich gegenseitig befruchten. Er glaubt sich zu erinnern, dass Pirsig immer mehr der Dynamik zugewandt gewesen war, sie für die höhere Qualität gehalten hatte. Dem kann er nicht zustimmen. Nein, sie mussten sich in einem wechselseitigen, aber beweglichen Gleichgewicht zueinander befinden, dann ist die Welt gut. Das ist der Subjekt-Objekt Trennung nicht möglich, eben weil es eine TRENNUNG ist. Subjekt hier, Welt da. Keine Verbindung. DAS ist die Lüge, die Selbstlüge. Es gibt in Wirklichkeit nicht nur eine Verbindung, es ist untrennbar. Das Subjekt ist Teil der Welt, ist selbst ein Objekt IN dieser Welt. Wie konnte man da jemals von einer Trennung der beiden ausgehen? Das ist psychischer Selbstmord.
Er dankte Mr. Robert M. Pirsig dafür, dass er ihm einen Ausweg gezeigt hat, und das Problem.
Er steht auf und schlägt sich genüsslich die Erde von Po und Beinen. Da ist Natur an ihm haften geblieben, das ist gut so.
Seltsam. Plötzlich scheint die Welt irgendwie zu leichten. Alles scheint heller zu sein als noch zu der Zeit, als er aus der Kirche herausgetreten ist. Ja, er selbst ist leichter geworden, sein Gehen ist federnd. Er will durch den Stadtteil gehen in Richtung der Felder, die sich jenseits der letzten Wohnhäuser erstrecken. Da wird er weiterdenken. Aber vor allem: weiterfühlen. Auch das hat ihm seine eigene Weltsicht ja gründlich ausgetrieben, oder völlig ins Private geschoben. Fühlen durfte man Zuhause. Bei sich selbst und seinen „Lieben“. Aber nicht in der „objektiven“, in der „rationalen“ Welt. Im Geschäftsleben oder gar in der Wissenschaft, völlig undenkbar. Subjekt hier (zuhause) – Objekt da (überall sonst). Er muss lachen. Wie einfach die Lösung doch ist. Und da ist noch ein Gefühl.... erst kann er es nicht fassen, es ist licht und gut, aber er findet keinen Namen dafür. „Wie wenn man etwas das allererste Mal sieht und noch keinen Begriff, kein Bild davon hat“, denkt er und lässt auch das einfach geschehen.
Er beobachtet seine Schritte unter sich und das Gefühl in sich und dann hebt er den Blick in den Himmel hinein und weiß: Es ist Stolz. Er ist Stolz. Aber worauf? Auf sich und seine tolle Erkenntnis (die gar nicht von ihm ist, sondern von diesem Schreiberling Pirsig). Aber nein, es ist der Stolz auf die Aufklärungswissenschaft, denn diese lässt zu, dass sie hinterfragt und kritisiert wird. Sie droht nicht mit Verbrennung und Folter und Exkommunikation. Es ist kein Frevel, keine Ketzerei sie zu kritisieren, sondern NOTWENDIGKEIT. Sicher, in realidad würden die meisten ihm nicht folgen, würden in den alten Bahnen von Subjekt-Objekt-Trennung verbleiben und keine Notwendigkeit finden, ihre Denkweise zu ändern. Aber sie würden ihn auch nicht verfolgen und seine Gedanken verbieten. Mit seiner Unbedeutendheit muss er leben. Er lächelt. Es ist nicht wichtig. Er hat den großen Schritt getan. In mir – oder nirgends, könnte man sagen mit Berthold Brecht, wie er es in seinem Galileo über Gott sagt. Eben das ist der Schritt, in mir, denn da ist die ganze Welt.
Noch leichter fällt ihm nun das Gehen, Last ist abgeworfen worden, Last von 400 und mehr Jahren, er lacht, was muss das erst eine Befreiung gewesen sein von den 4000 Jahren?
Aber natürlich ist das nicht genug (ist es denn je genug?) Es muss ja eindeutige Konsequenzen haben, wenn man die Subjekt-Objekt Trennung über Bord wirft und im Meer der Wirklichkeit versenkt.
Wir haben uns ja weitestmöglich von den alten Weltanschuungssystemen entfernt und so viele ihrer Voraussetzungen und Grundannahmen verworfen. Aber was, wenn wir ganz umgekehrt einmal fragen: Was können wir denn von ihnen lernen? Das ist genau so ein Schritt wie der, die Gefühle, alle Gefühle zuzulassen. Denn das ist bis dato noch nicht Bestandteil der Aufklärungswissenschaft, das Fühlen zuzulassen und nach dem Positiven, nach dem alten Wissen der bisherigen Welterklärungsmodelle zu fragen. Bisher hat man sich nur davon distanziert. Getrennt eben, wie man das ja auch durch die Subjekt-Objekt Dichotomie getan hat. Was, wenn man jetzt mit starker Brust und den Wissen um die eigene Stärke in Bereiche geht, die bislang verboten waren? Fühlen – Fragen – von den Alten lernen wollen. Es muss gehen, er fühlt es, er sieht das Licht um sich, fühlt die Leichtigkeit. Das sind starke Hinweise, die er nicht wegrationalisieren will, darf. Er fühlt sich gut.
Also die Frage: Was war richtig an den alten Systemen? Nicht die Inhalte. Da ist er sich sicher, die waren non-sense im wahrsten Sinne des Wortes. Nein. Aber die Struktur vielleicht. Denn was sollte denn das Ganze Gehabe, diese Glaubensgeschichten, diese „es donnert, weil der Donnergott wütend ist“ Blödsinnigkeiten?
Nun, es schaffte Gemeinschaft. Die Welt und Ich sind eins. Und alle anderen, die die selbe Weltsicht haben, sind auch ich.
Er kommt auf einer Anhöhe an und kann weit blicken. Er fragt sich, wie einer der „Alten“ das gesehen hätte. Als Geflecht eines großen Ganzen, nicht als einzelne Vorgänge. Die Zusammenschau fehlt uns, das Poetische am Sein ist verloren gegangen. Wieder muss er an Robert M. Pirsig denken. Hat er nicht von etwas wie einer „Kirche der Vernunft“ gesprochen? Vielleicht muss man noch radikaler sein. Das fällt ihm nicht schwer. Nachdem er Gefühlt hat und dadurch echte Erkenntnisse erhalten hat, nachdem er sich von der Subjekt-Objekt-Trennung verabschiedet hat, warum nicht noch weiter gehen und einen echten Frevel, einen echten, aber gutgemeinten Angriff auf seine eigene Weltsicht starten. Wieder stiehlt sich ein Lächeln auf sein Gesicht, er blickt in die Weite.
Die Aufklärungswissenschaft ist eine Religion!
Das hat es in sich. Damit muss er anecken. Gewaltig sogar. Das werden die WissenschaftlerInnen gar nicht mögen, die PhilosophInnen noch weniger, das ist echte Ketzerei. Notwendige Ketzerei, findet er. Neue Wege denken, neue Wege fühlen, neue Wege gehen. Das will er. JETZT. Weiterdenken.
Warum ist die Aufklärungswissenschaft eine Religion? Was macht eigentlich eine Religion aus? Unbewiesene Behauptungen. Unbeweisbare Behauptungen. Das steht immer am Anfang. Vielleicht aus einem Traum heraus oder aus einer Offenbarung oder wegen eines scheinbar sinnvollen Zusammentreffen von Ereignissen wird etwas postuliert. „Es gibt höhere Mächte, die das Leben der Menschen bestimmen“ zum Beispiel. Aber doch nicht in der Aufklärungswissenschaft! Oder doch? Was sind denn hier die Grundannahmen? Ihm fallen spontan zwei ein. Die Wichtigsten:
Determinismus. Der Gedanke, die Überzeugung, dass alle Ereignisse, alle Vorgänge in der gesamten Natur eine gesetzmäßige Ursache haben und, als zweite Grundannahme, dass diese Ursachen auch vom Menschen erkannt werden können.
Aber das waren auch nur Behauptungen. Niemand konnte das Beweisen. Vielleicht waren es wahrscheinliche, waren es sinnvolle Annahmen. Aber es konnte kein Experiment ersonnen werden diese gewaltigen Ideen zu beweisen. Also: Kein wirklicher Unterschied zu den etablierten Religionen. Das war schon mal gleich. „Und dann“ fällt ihm lächelnd ein, „gibt es natürlich die Priester und Priesterinnen. Die, die den Katechismus ganz genau kennen, die Rituale und Abläufe, die geheimen Gesetzmäßigkeiten hinter allem. Die WissenschaftlerInnen! Ja, das ist es letztlich, was sie sind, die PriesterInnen der neuen Religion, der Aufklärungswissenschaft. Und ihr Katechismus sind geheime Begriffe wie Empirismus, die Betonung der Erfahrung, insbesondere durch jenen so exklusiven Begriff des Experiments. Das ist eines der wichtigsten Instrumente dieser Religion, das Experiment. Aber auch die so gerne bemühte „Falsifizierbarkeit“ ist ein essentieller Bestandteil der „Naturalogie“, wie man es parallelisierend zur Theologie nennen könnte. Oder die schon gescholtene „Objektivität“ (die es gar nicht gibt) oder die Reproduzierbarkeit unter gleichen Bedingungen.
Nicht dass er das kritisieren oder lächerlich machen will. Er bewundert und liebt diese Dogmen, diese Notwendigkeiten, um modern, um wissenschaftlich zu denken und zu forschen und zu handeln. Aber ihm wird klar, dass das eben die Dogmen DIESER Religion sind, die unumstößlichen Anforderungen an die Arbeit der PristerInnen, der WissenschaftlerInnen. Wer sich außerhalb dieser Bedingungen setzt fällt aus der Gemeinschaft heraus. Pseudowissenschaft nennt man das dann.
Und so gibt es also nach den unhinterfragbaren Grundannahmen auch ein Gedankengebäude, eine Wissenschaftsphilosphie mit vorgeschriebenen Abläufen. Man nennt es nicht Ritual, nicht Liturgie, aber einen großen Unterschied kann er – zumindest Strukturell – nicht sehen. Aber im Ergebnis. Es kommt eben bei der Befolgung dieser Vorgaben dann auch tatsächlich etwas heraus, zumindest bei den harten Wissenschaften. Sein Mobiltelefon zum Beispiel oder das Wissen um die Bahnen der Planeten, so dass man getrost Voyager-Sonden ins All schießen kann, die nach vielen Jahrzehnten sogar das Sonnensystem verlassen haben. Wenn das kein sichtbarer Erfolg ist. Oder die Einführung der Hygiene! Millionen und Abermillionen Leben sind dadurch gerettet worden. Das macht einen gewaltiger Unterschied.
Er ist schon länger stehen geblieben und sieht sich um. Innerlich ist auch eine große Weite in ihm, aber da will er noch weiter gehen. Wenn man die alten Religionen und die neue Religion so vergleichen kann und feststellt, dass die Basis ganz und gar ähnlich ist, das Ergebnis aber so viel besser, wahrhaftiger, erfolgreicher ist, dann scheint etwas in der Mitte zu fehlen. Das, was Gemeinschaft stiftet. Und er weiß schon, was fehlt. Das Gefühl. Gefühle von Stolz, von Gemeinschaft, von Zugehörigkeit. Faszination gibt es manchmal, er erinnert sich an seine Kindheit, als er ein Jahrbuch über Technik las, mit Geschichten dazu, wie es in der Zukunft sein könnte. Da war sie, diese Faszination, auch einzelnen Geräten gegenüber hatte er das als Kind empfunden. Aber das war abgestumpft mit der Zeit. Normal, dieser ganze Technikzauber.
Man müsste, so scheint ihm, Zentren schaffen, die ganz bewusst diese neue Religion zelebrieren. Die dazu stehen, dass wir nun eine völlig neue Sichtweise auf die Welt haben. Die uns sagen, dass es gut ist im Prinzip und die auch Gemeinschaft aufbauen.
„Es ist schon seltsam“ denkt er, „dass doch in allen Institutionen, in Museen, in Wissenschaftssendungen, in Dokumentationen, in der Schule (da ganz besonders) diese neue Weltsicht, diese Religion aktiv gelebt wird, aber niemand darüber redet. Es ist nicht Thema. Es wird dir nicht gesagt: Du gehörst dieser neuen Religion, dieser Aufklärungswissenschaftsweltsicht an, Du bist Teil von etwas großartigem. Nein, statt dessen redet man über die klassischen Religionen. Niemand hat ein Problem damit, dass die Menschen zeigen, dass sie Moslems sind oder Christen oder Hindus, doch niemand zeigt Aktiv, dass er oder sie AnhängerIn der Aufklärungswissenschaft ist. Es ist kein Thema. Ja, viele Leute können gar privat Christen sein und in der Arbeit die Aufklärungswissenschaft vertreten. Sogar WissenschaftlerInnen gibt es, die den alten Religionen anhängen. Niemand kann Jude und Hindu zugleich sein, aber das geht. Er versteht es nicht. Für ihn schließt das Eine das Andere aus. Aber es hängt eben mit der Stille zusammen, die über der neuen Weltsicht liegt. Sie beherrscht ALLES, und macht nicht von sich reden. Warum gibt es keine klaren Symbole für diese Art die Welt zu erfassen? Kein Kreuz, kein Halbmond, kein Omzeichen? Er denkt an die Doppelhelix. DAS wäre etwas, was die Weltsicht repräsentieren könnte, ein sichtbares, ja sogar wirklich in der Natur existierendes Symbol für die Macht der neuen Religion. Evolution. Vielleicht war es ja Darwin, der den alten Religionen den größten Schlag versetzt hat. Von wegen Gott hat vor 6000 Jahren die Welt an 6 Tagen erschaffen. „Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung“ heißt es im Faust. DAS ist es. Das müssten wir stolz tragen und allen Zeigen, die es sehen wollen oder nicht. So wie Sie das Kreuz, tragen wir die Doppelhelix, voller Stolz zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zu ahnen „Was die Welt im Innersten zusammenhält“.
Aber, so fragt er sich ruhiger, was soll es eigentlich, eine solche Religion zu gründen? Was soll sie anderes Bewirken als das, was doch schon so evident ist. Dass die neue Weltsicht den Geist längst erobert hat. Noch mehr Eroberung? Die endgültige Zerstörung der alten Religionen? Statt des Monotheismus nun die Monokultur des Geistes? Das kann es nicht sein. Sich zu etwas bekennen mag einer der Aspekte sein, aber nicht der Wichtigste. Er erinnert sich an den Grund für dieses Gedankengebäude, das er hier erbaut. Sein Gang in die Kirche heute, seine Empfindungen während des Gottesdienstes. Neid auf die Gemeinschaft. Aber es ist nicht nur Gemeinschaft der Menschen, es ist auch Gemeinschaft des Seins an sich, das ihm fehlt. Mit allem Eins sein. Ihm kommen die östlichen Religionen in den Sinn, deren Ziel die große Verschmelzung mit dem Sein ist. Sie nennen es das Rad der Wiedergeburten anhalten. Damit kann er wenig anfangen, und doch ist da ein Gedanke dahinter, nämlich der, dass es dem Menschen möglich ist sich selbst in das große Ganze einzubetten. Erleuchtung. Weshalb nicht? Das widerspricht nicht der modernen Weltsicht, wenn man es genau betrachtet. Es gibt zu viele historische Beispiele, dass diese höchste Stufe des Geistes dem Menschen möglich ist, selbst in der Christlichen Mystik gibt es Beispiele dafür. Meister Eckardt. Sie sprachen von der Einheit zu Gott, aber nur, weil das in ihren jeweiligen Weltbildern eben das Bild für das große Ganze war. Die Hindus mit den Hindugöttern, die Christen mit ihrem Gott, das war vernachlässigbar. Aber das konstituierende, gemeinsame war immer dieses gewaltige Gefühl, diese Gewissheit der Einheit mit allem. Nirwana. Die Buddhisten können es ohne Gott und Götter erreichen. Kann das der moderne Mensch auch noch? Er hat so seine Zweifel, denn für solch eine gewaltige Umstrukturierung des eigenen Geistes braucht es Hingabe, benötigt es Konzentration und ein unbeugsames Wissen darum, dass solch eine Befreiung möglich ist. Aber wenn es eine Religion der Moderne gibt, der Aufklärungswissenschaft, dann kann es vielleicht auch wieder solche Hingabe geben. Aber dazwischen, zwischen dem jetzigen Zustand der völligen Getrenntheit des Individuums, des Subjekts vom Rest der Welt („UMWelt“, denkt er, „schon das zeigt alle Problematik auf“) und einem Akt des vollkommenen Verschmelzens mit ALLEM gibt es ein ganzes Universum von Geisteszuständen, die eine prinzipielle Einheit von Innenwelt und Außenwelt, von Mensch und allem Anderen aufzeigen. „Wir müssen die Welt und Uns wieder vereinen, begreifen, erfühlen, erfahren dass da keine Kluft, kein Unterschied ist zwischen Ding und Geist, zwischen Subjekt und Objekt. Kein prinzipieller jedenfalls.“ Er sieht die große Kontinuität zwischen dem, was im Großen Anfang aller Zeiten entstanden ist, sich durch unzählige Emergenzen und Entwicklungen verändert hat und zu LEBEN geworden ist und in diesem Leben durch wieder dieselben Vorgänge – Emergenzen und Entwicklung – Evolution – entstand der Geist, der sich selbst erkennen kann, WIR. Da gibt es keinen prinzipiellen Bruch. „Wir sind aus Sternenstaub gemacht“ das kommt ihm immer wieder in den Sinn. Das verbindet uns mit ALLEM. Und das ist es, was die Kirche der Vernunft (wie Robert M. Pirsig das nennt), die Religion der Aufklärungswissenschaft den Menschen wieder schenken muss. Es geht darum den Menschen wieder mit dem Wunder des Seins, mit allem zu verbinden. Dann gibt es keine UMWelt mehr, sondern nurmehr Welt. Und wir sind ein essentieller Teil davon.
Lächelnd wendet er sich um und wandert zurück in eine für ihn völlig neue Welt.