Ganz schön was los zwischen den Menschen – Grundlagen des Miteinanders (ein Versuch)

4.1 MoMo: Moderne Moralphilosophie oder „Versuche in Richtung einer naturalistischen Ethik“
Ethik ist die Frage nach dem guten, dem richtigen, dem sinnvollen, dem aufbauenden ZUSAMMEN-Leben. Wir müssen „Zusammen – Leben“, miteinander Leben. Darum geht es hier. Aber erst einmal die Frage: Wer ist WIR? Wie groß machen wir die Gemeinschaft, mit der wir „gut“ zusammenleben wollen? Da betreten wir schon einen extrem heiklen Bereich, denn oft und oft wurde diese Frage sehr eng beantwortet. Hier treffen wir auf Fragen von Rassismus und Sexismus, aber auch von etwas, das wir Homozentriertheit nennen könnten, die hierarchische Höherstufung des Menschen gegenüber allem und allen anderen.
Aber wie wollten wir bei genauerem Hinschauen eigentlich Grenzen ziehen? Die und die „Art“ von Menschen ist nicht mehr bei uns dabei1 also z.B. weiße Menschen gehören prinzipiell dazu, Menschen dunklerer Hautfarbe und anderer Augenform prinzipiell nicht. Oder die Menschen unserer Stadt, unserer Nation etc. Solche Grenzziehungen sind bei genauem Hinsehen nicht möglich, nicht begründbar. Wir können eigentlich immer nur eine Ethik aller Menschen für alle Menschen definieren. Aber selbst dies genügt nicht. Denn wie wir mittlerweile Wissen, muss es auch um die zukünftigen Menschen gehen, die, die nach uns kommen werden. Und wenn wir uns ansehen, wie sehr wir Menschen in eine Holarchie eingebettet sind, in das Aufeinanderschichten von Gesetzmäßigkeiten, von kosmischen Ereignissen, die uns überhaupt erst möglich gemacht haben, so müssen wir Welt2 mit einbeziehen, zumindest jenen Teil, der wie wir biologisch ist und durch eine innere Eine-Welt-Perspektive empfindungs- (und damit leidens)fähig ist.
(Zitat Metzinger über prinzipielles Leiden)
Es geht letztendlich immer um das gute oder richtige Leben (und Überleben) der größtmöglichen Zahl von (empfindungsfähigen) Lebewesen in einem tatsächlich begrenzten und empfindlichen Raum, dem Planeten Erde!
4.2 Der Mensch ist ein ultrasoziales Wesen
Grundlage einer jeden Ethik muss erst einmal das sein, was wir Menschen (die „TrägerInnen“ der Ethik) vom Grund her sind. Wie wir sind. Was uns ausmacht. Man könnte keine Ethik definieren, die gegen die grundsätzliche Natur des Menschen ginge. Und dies hier ist die vielleicht wichtigste dieser Grundlagen:
Der Mensch ist ein Herdentier!
Nachweislich seit Urzeiten lebt die Gattung Homo in Gruppen oder Horden. Deren Größe wird zwischen 120 und 200 Personen angegeben. Auch unsere nächsten Verwandten machen da keine Ausnahme:
„Schimpansen sind sehr soziale Tiere, die ein Leben in der Gemeinschaft brauchen. Das weiß heute fast jedes Kind, aber als de Waal mit seinen Studien begann, war darüber noch sehr wenig bekannt. Er fand heraus, dass Schimpansen tricksen, lügen und einander betrügen. Aber sie sind auch zärtlich und anhänglich und bauen sehr komplizierte soziale Beziehungen zueinander auf.3
oder auch:
„<Konkurrenz allein konnte die menschliche Intelligenz und Kultur nicht hervorbringen> sagt [...] Michael Tomasello. Der Schlüssel zum Verständnis der Menschwerdung liege eher im Gemeinschaftsgeist: <Menschen stecken die Köpfe zusammen, um gemeinsame Absichten zu vereinbaren und diese mit vereinter Anstrengung zu verfolgen>. Die spezielle Weise, wie Menschen lehren, lernen, zusammenarbeiten und einander helfen, unterscheidet uns als „ultra-soziale“ Wesen von allen anderen sozialen Tieren, auch von den Menschenbaffen.
<Wir kooperieren nicht nur, weil es nützlich ist oder weil wir dazu erzogen wurden, sondern wir arbeiten von Natur aus gern zusammen. Mehr noch: Anderen zu helfen macht uns von Natur aus Freude>“4
Ganz ähnliche Forschungsergebnisse gibt es aus dem Bereich der Kleinkind- und Verhaltensforschung. So heben z.B. sowohl Kleinkinder wie auch Affenkinder spontan Dinge auf und geben sie den Versuchsleitern zurück, die diese absichtlich-unabsichtlich haben fallen lassen. Und das, ohne dass es etwa ein irgendwie geartetes Belohnungsschema gegeben hätte.
Der Mensch lebt in der Gemeinschaft, er MUSS sozial sein. Was aber heißt Sozial? Es bedeutet letztendlich nichts anderes, als dass jeder Mensch mit anderen Menschen auskommen und zum wechselseitigen Nutzen interagieren muss. Wenn nicht jede/r anpackt und mitmacht, funktioniert die Gemeinschaft nicht und das bedeutete praktisch in der gesamten Geschichte der Hominiden den Tod. Aber so dramatisch muss man es gar nicht sehen. Eine Gemeinschaft, die ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten bündelt, muss effektiver sein, als eine, wo jedes Individuum gegen das andere steht. Alle Leistungen der Menschheit sind soziale Leistungen, von der Jagd über die Erfindung des Faustkeils bis zu den Pyramiden und der Sozialversicherung.
Dieses „ultra-soziale“ ist jenseits (oder vor) jeder Kategorie von Gut oder Böse, es ist eine Überlebensstrategie, „unsere“ Überlebensstrategie.5 6
ABER: Was gerne vergessen wird ist: wir sind beileibe nicht jeder/m gegenüber Ultrasozial oder überhaupt positiv gestimmt. Aber Betrachten wir erst einmal die Grundlagen, das Urprinzip von Gemeinschaft und Nicht-Gemeinschaft. Gehen wir in die Vergangenheit, verglichen mit der die arbeitsteilige, hochkomplexe und hochtechnologisierte heutige Menschengemeinschaft zeitlich nur ein Wimpernschlag ist. Die Gattung Homo7 war immer Gemeinschaft bildend! Und das seit mindestens 2 bis 2,5 Millionen Jahren. Nur in diesen Gemeinschaften war überleben überhaupt möglich, da der Mensch ansonsten eigentlich keine besonderen Eigenschaften aufweisen konnte (außer seinem sich immer weiter entwickelnden Intellekt). Er war weder besonders stark noch schnell noch gut gepanzert etc. Aber in der Gruppe, der Gemeinschaft potenzierten sich seine geistigen Fähigkeiten. Gemeinsame Jagd, gemeinsame Abwehr von Feinden u.s.w.
Doch dieses Ultrasoziale, diese Notwendigkeit zur Gemeinschaft galt (und gilt, zumindest Unbewusst) immer nur für die „Eigene-Gemeinschaft“, nicht für Fremde, auch wenn sie der gleichen Gattung angehören wie wir. Wir gehören Zusammen und die anderen sind potentielle Feinde, jedenfalls Unbekannte und für sie gelten die Grundsätze der Gemeinschaft erst einmal nicht.
Dies ist das absolute Grundgerüst unseres sozialen Verhaltens: In unserer Gemeinschaft halten wir zusammen und unterstützen uns gegenseitig, arbeiten auf gemeinsame Ziele hin8, aber alle anderen, die nicht dazu gehören, sind erst einmal ausgeschlossen und eher Feinde als Freunde.
Und diesen Urgrund, dieses allem zugrundeliegende Prinzip müssen wir immer im Hinterkopf behalten, wenn wir uns mit Fragen von Moral, Ethik, Gemeinschaft und Interaktion beschäftigen!
4.3 Der Wandel zu heutigen Gesellschaftsformen und -normen
„Der Mensch lebt nicht nur sein persönliches Leben als Einzelwesen, sondern, bewußt oder unbewußt, auch das seiner Epoche und Zeitgenossenschaft, und sollte er die allgemeinen und unpersönlichen Grundlagen seiner Existenz auch als unbedingt gegeben und selbstverständlich betrachten und von dem Einfall, Kritik daran zu üben, so weit entfernt sein, wie der gute Hans Castorp es wirklich war, so ist doch sehr wohl möglich, daß er sein sittliches Wohlbefinden durch ihre Mängel vage beeinträchtigt fühlt.“9
Nun hat die Gattung Homo und darin natürlich auch der Homo sapiens die allermeiste Zeit in diesem System der Horde und des Totems gelebt, d.h. in Gruppen mit insgesamt wohl nicht mehr als ca. 150 Personen, die aber nicht unbedingt alle in einer sich bewegenden Gruppe zusammen sein musste, sondern über ein Territorium verteilt sein konnte in kleineren Gruppen. Je nach örtlicher, klimatischer und sonstiger Anforderungen wird die innere Organisation auch unterschiedlich gewesen sein. Aber das Prinzip der Zusammengehörigkeit und des Ausschlusses anderer Gruppen dürfte überall gegolten haben. Natürlich gab es neben der Klammer der sozialen Zusammengehörigkeit auch kulturelle Gemeinsamkeiten (gemeinsames Weltbild, gemeinsame Riten der Gemeinschaft, Gesänge, Geschichten etc.), die wiederum ein Wir- von einem Ihrgefühl getrennt haben.
Das ist die Basis.
Und ab dem Beginn der sog. Neolithischen Revolution, der Sesshaftwerdung mit all ihren Implikationen von Arbeitsteilung, starker hierarchischer Strukturen, immer mehr geistigen Innovationen (Schrift, Kulturtechniken, Schifffahrt etc. pp) veränderte sich die Gesellschaftsstruktur immer mehr. Aber das Prinzip bleibt! Es gibt die, die drin sind (z.B. die StadtbewohnerInnen von Uruk oder Kisch und die „BarbarInnen“ draußen etc.) Und auch die Menge an Personen, die wir tatsächlich kennen bleibt ungefähr gleich 10
Fazit: Zusammenleben ist für das Menschsein grundlegend. Überleben und Fortschritt sind nur und ausschließlich in der Gemeinschaft möglich.
Und wir sind prinzipiell dafür ausgestattet von der Natur. Aber wir sehen nicht automatisch alle Menschen als Teil „unserer“ Gemeinschaft an. Und hier beginnen die Probleme, die wir in einer Ethik des Naturalismus angehen müssen.
4.4 Gut und Böse sind erst einmal Kategorien der Gemeinschaft
Nun haben wir erst einmal festgestellt, dass Menschen immer Teil einer Gemeinschaft sind und dass es natürlicherweise Personen gibt, die dazu gehören und solche, die nicht dazu gehören.
Und jede Gemeinschaft will Überleben. Daher ergibt sich als kleinster gemeinsamer Nenner die Formel:
Gut ist, was der Gemeinschaft dient, Böse ist, was ihr schadet.
Aber Gemeinschaften unterscheiden sich voneinander in Größe, Organisation, Umwelt, Glaubenssätzen, Weltbildern und vielem mehr. Dies gilt umso mehr nachdem wir den jahrzehntausende umfassenden Raum der Sammler und Jäger verlassen haben und in die unglaubliche Ausdifferenzierung nach der neolithischen Revolution eingetreten sind.
Da aber die Gemeinschaft „festlegt“ was ihr dient, geschieht es dauernd, dass das, was in der einen Gemeinschaft „gut“ oder „richtig“ oder „notwendig“ ist, in der anderen „böse“, „ekelhaft“, ja „unmenschlich“ genannt wird.
Was in der einen Gesellschaft absolut gefordert ist wird von einer anderen Gesellschaft vielleicht nicht nur prinzipiell abgelehnt, sondern evtl. gar nicht als Möglichkeit des Verhaltens angesehen.
Ja, das anschaulichste überlieferte Beispiel für die Opferung des heiligen Königs ist wahrscheinlich das, welches Duarte Barbosa in seiner Beschreibung der Küsten Ostafrikas und Malabars 1524 gibt.
Der Gottkönig der südindischen Provinz Quilacare in Malabar (einem Gebiet mit einer noch heute starken matriarchalen Tradition) mußte sich nach Ablauf der Frist, die der Planet Jupiter für eine Runde durch den Tierkreis und die Rückkehr zum Ausgangspunkt seiner rückläufigen Bewegung im Zeichen des Krebses braucht, selbst opfern – das heißt, nach zwölf Jahren. Wenn seine Zeit gekommen war, ließ der König ein Holzgerüst aufstellen und mit Seidentücher behängen. Und wenn er unter großem Zeremoniell und den Klängen der Musik rituell in einem Becken gebadet hatte, begab er sich zum Tempel, wo er der Gottheit seine Verehrung erwies. Dann bestieg er das Gerüst, nahm vor allem Volk ein paar sehr scharfe Messer und begann, Teile seines Körpers abzuschneiden – Nase, Ohren, Lippen und alle Glieder und so viel Fleisch, wie er konnte. Diese warf er schnell und weit von sich, bis er so viel Blut verloren hatte, daß er allmählich ohnmächtig wurde und sich daraufhin die Kehle durchschnitt.(nach Frazer, der goldene Zweig, S.401; aufgrund von Duarte Barbosa: Descriptions of the Coasts of East Africa and Malabar in the Beginning of the Sixteenth Century, London 1866, S. 17211
In unserer Gesellschaft würden wir eine Person, die sich auf solche Weise selbst verstümmelt in der Annahme, etwas für die Gemeinschaft zu tun für vollkommen Geistesgestört halten und mit allen Mitteln versuchen sie an ihrem Tun zu hindern. Für die Menschen dieser indischen Stammesgesellschaft von kleinen Ackerbauern aber war dies eine unverzichtbare Handlung ihres abdankenden Oberhauptes, sicherte doch nur diese Handlung, dass das Leben der Gemeinschaft weitergehen konnte, zumindest in ihrer Vorstellung.
Dies ist nun ein Problem, das, wie ich meine, selbst durch Kants „Kathegorischen Imperativ“ nicht gelöst werden kann.
„Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“12
Sicherlich würden alle Mitglieder DIESER Gesellschaft (einschließlich des Königs natürlich) wollen, dass dies ein allgemeines Gesetz werde13
Somit gibt es vielleicht keine grundlegenden und völlig fixen Kategorien, die festlegen, was Gut oder Böse ist. Auch heute noch gibt es Kriege, d.h. der Mord an Mitgliedern der „fremden“ Gemeinschaft ist gut, der Mord an Mitgliedern „meiner“ Gemeinschaft böse!
Auch heute noch ist für uns das Töten von Tieren zum Verzehr kein prinzipielles moralisches Problem. Aber für die Gemeinschaft der Anhänger des Jainismus ist jegliche Gewalt gegenüber einem „beseelten“ Wesen per se böse. Also leben auch wir nicht etwa in einer rein „Guten“ Gesellschaft, jedenfalls nicht von außen betrachtet.
An was können wir uns also festhalten?
Wir können erst einmal fragen, was denn die „Natur als solche“ möchte. Überleben, ist die Antwort. Für die Natur ist das einzig Wichtige der Weiterbestand der Spezies und vor allem des Lebens an sich.
Das müsste also unsere Erste, ganz prinzipielle Prämisse sein: Die Spezies Mensch muss überleben können und dazu muss das „Leben an sich“ geschützt werden und weiterbestehen können. Ja, letzteres müsste eigentlich noch über der Weiterexistenz der Spezies angesiedelt sein.
Dann müssen wir das Betrachten, was uns Menschen als Spezies, als besondere geistige Wesen ausmacht: Das ist ja jenes „sich über sich selbst nachsinnen können“. Damit einher geht natürlich auch, dass wir über unsere inneren Zustände reflektieren und kommunizieren können. Es ist aber auch dieses unglaubliche Spannungsfeld, dass wir einerseits der gesamten Welt als jeweils ein Einzelwesen gegenüberstehen (wir sind der Welt gegenübergestellt. Siehe dort) und nur uns selbst tatsächlich wahrnehmen können. Andererseits aber zur Gemeinschaft, zum Sozialen, zum Miteinander gezwungen werden durch unsere Ultra-Soziale Natur.
Was folgt jetzt z.B. daraus, das wir letztlich nur uns selbst wahrnehmen können? Das jeder Mensch als absolutes, in sich geschlossenes Individuum angesehen und respektiert werden muss. Wir müssen anerkennen, dass tatsächlich jeder Mensch sein (oder ihr) eigenes Universum ist, seine in sich geschlossene Entität, aus der er nicht ausbrechen kann, niemals. Damit sind alle körperlichen oder seelischen Empfindungen letztlich unteilbar und privat. Und müssen als solche zutiefst respektiert werden.
Der Kontrapunkt zu dieser ungeheuerlichen Privatheit des einzelnen Menschen ist eben jener Ultra-Soziale-Aspekt, ohne den dieses Einzelwesen letztlich nicht überlebensfähig ist.
Also müssen wir den einzelnen, so ungeheuer privaten Menschen dann wiederum in der Gemeinschaft sehen, im Netzwerk der Verbindungen der Menschen untereinander. Wir müssen das Gemeinschaftswesen ebenso zutiefst anerkennen und respektieren.
Daraus ergibt sich erst einmal, dass man dem in sich privaten Menschen (wir sagen meist dazu: Dem Individuum) so viel Lebensmöglichkeiten und Entfaltungskraft einräumen, ja ermöglichen müssen wie wir auch dem Gemeinschaftswesen ermögliche müssen, sich mit anderen zusammen zu tun, Gemeinschaften zu bilden, Teil von Gemeinschaften zu sein.
4.5 Gedankensplitter zur Frage einer naturalistischen Ethik
Ich fühle mich nicht in der Lage, eine Gesellschaftstheorie, eine Ethikphilosophie zu entwickeln, die für „Die Menschheit“ gelten kann oder die man allen Gemeinschaften wie ein Schirm überstülpen könnte. Daher kann ich hier nur einige, vielleicht ungeordnete Gedanken hinwerfen, die das Thema vielleicht punktuell erhellen können.
Der Sündenfall hat tatsächlich statt gefunden!
Das Christentum hat durchaus recht mit der Idee, dass der Mensch eine Ursünde begangen hat. Eine große Absonderung (oder auch: Entfremdung) hat tatsächlich stattgefunden. Nicht die Vertreibung aus dem Paradies natürlich, vielmehr war es das Ende des Wanderns. Die Sesshaftwerdung hat uns von einer ur-uralten „Tradition“ entfernt, die die Gattung „HOMO“ seit Millionen von Jahren gelebt hat. Dadurch ist Gewicht auf den Menschen gefallen, Gewicht in Form von Materie (Besitz, Dinge, Immobilien, Unbewegliches) und von Geistigem (Arbeitsteilung, Gesellschaft, unten-oben, reich-arm, gebildet-ungebildet). Von da an ist dem Menschen Welt und Geist quasi explodiert. In diesen ca. 10.000 Jahren wurde immens mehr geistiges und materielles geschaffen als in den 300.000 Jahren zuvor. Und immens mehr zerstört. Aus Welt wurde Um-Welt, aus dem „Teil des Ganzen“ wurde „Besitzer des Ganzen“ (Und machet Euch die Erde Untertan). Ein Projekt, das nicht gelingen kann, denn es ist das Absägen des Astes, auf dem man selbst sitzt (um daraus Feuerholz zu machen, das man gar nicht mehr benötigt, da man sich den Hals gebrochen hat durch den tiefen Fall). Im Prinzip müsste das Bild sein, dass man den ganzen Baum umsägt, auf dem man im Baumhaus lebt.
Es gibt aber auch keine Lösung des Problems!
Das ist die Krux. Nur durch eine menschliche Naturkatastrophe, die uns die unbewegliche Grundlage wieder entzieht ist eine Restrukturierung in den „Urzustand“ möglich. Eine Katastrophe, die Anzahl und unbeweglichen Besitz radikal (wirklich radikal) reduziert. Zu beachten ist: Der Urzustand ist kein paradiesischer, vielmehr nur ein im globalen funktionierender und er ist nicht (jedenfalls nicht direkt) vom Menschen her zu stellen. Und ob ein (weiteres) Überleben in der dann entstehenden Welt noch (oder wieder) möglich sein wird, ist ebenfalls ungewiss (und hängt vom Umfang der Zerstörung ab, die wir bis dahin angerichtet haben).
Gründe sind: Endlichkeit von Resourcen, Empfindlichkeit von Welt bei Eingriffen in systemische Abläufe, Überbevölkerung und damit einhergehende überdimensionale Verschwendung und Vermüllung (Energie, Materie) und natürlich die Konflikte, die dadurch entstehen, dass wir gar nicht für so große Menschenmengen geschaffen sind). Und die Unfähigkeit von Mensch in übergroßen Gemeinschaften zu funktionieren. Die Ursprüngliche Hordengröße umfasste nicht mehr als 150 Personen, nicht Millionen und Milliarden. In zwei oder drei Worten: Komplexität, Verbrauch, Zerstörung. Nicht aufzuhalten.
Moral und Ethik – Definition und Unterscheidung
Moral und Ethik werden oft synonym genutzt. Es gibt aber einen Unterschied: Während Moral die Werte und Normen beschreibt, bezeichnet Ethik die Auseinandersetzung mit der Frage, was gut oder falsch ist. Ethik hinterfragt Moralvorstellungen, ob diese zum Beispiel noch zeitgemäß sind.
Moral ist ein Metaereignis. D.h. es ist sekundär, nachkommend, nicht fundamental.
Es geht um Prinzipien, die Richig/falsch, gut/schlecht(böse) klären in einem Umfeld.
Je allgemeiner ein Prinzip ist, desto klarer scheint es zu sein, je spezifischer das Problem ist, desto unschärfer kann das Prinzip angewandt werden.
Moral legt die Grundbedingungen für das (richtige/gute) Zusammenleben fest. Die Frage ist die nach der Größe der Allgemeingültigkeit eines moralischen Axioms. /Einer moral. Grundaussage. Bspl. "Moralisch richtig ist, was der Gemeinschaft dient, sie erhält, stärkt, erweitert" Aber welcher Gemeinschaft? Familie, Nation, Militärische Einheit?
Mithin wird man immer auf Grenzbedingungen stoßen, nach denen ein moralisches Prinzip, eine moralische Aussage nicht mehr in sich stimmig ist, da sie entweder auf andere Grundbedingungen stoßen wird, mit denen sie im Widerspruch liegt, oder auf Handelnde anderer Gruppierungen, die sich auf die selber Grundbedingung beziehen. Bspl. Gebietserweiterung ist für Nation 1 gut, aber auch für Nation zwei und beide könnten sich darauf berufen.
Das gilt selbst für so hochallgemeine Grundaussagen wie den kategorischen Imperativ
Die Frage nach dem „absoluten“ Bösen (oder Guten).
Zwei Menschen gehen in einer öden Steinwüste gemeinsam ihres Weges. Sie philosophieren und ihr augenblickliches Thema ist das Absolute Böse.
„Wie soll man sich das vorstellen?“ Fragt einer „Nur als Person können wir das, als ein Sauron, einen Teufel, nein, den Teufel schlechthin“ antwortet der andere. „Ja, aber was ist die Tätigkeit dieses Einen? Wie sein Tag? Endloses Bedenken finsterster Pläne zur Vernichtung der Welt? Wie ist seine Wohnstatt, sein Tagesablauf? Was ist seine Vorstellung von der Zeit, nachdem er sein Ziel der Zerstörung von Allem erreicht hat? Mit wem bespricht er sich, hat er jemanden?“ Der andere schweigt lange und versucht, die aufgeworfenen Fragen zu beantworten. Schließlich schüttelt er den Kopf „Ich vermag es mir nicht vorzustellen, solch ein Leben, wenn man es denn überhaupt Leben, lebendig sein nennen will. Es müsste unendlich einsam und gleichförmig sein, der Palast kalt und leer. Keine Zerstreuung, keine Erholung könnte es dort geben vom ewigen Sinnen nach Rache und Zerstörung. Ein lebendiger Mensch muss doch zwangsläufig bessere und schlechtere Tage und Stunden haben, muss sich selbst manchmal verlieren in Dingen, die er oder sie ebenfalls liebt und schätzt neben den Hauptsachen des Lebens. Aber hier können wir uns nichts vorstellen in diesem absoluten Bösen, das irgendetwas lieben oder schätzen könnte. Und mit wem sollte solch ein Wesen denn seine finsteren Gedanken teilen, da es doch ALLES, was es selbst nicht ist hassen und verabscheuen muss. So kann es nicht Nähe oder gar Freundschaft zu einem anderen Wesen empfinden, denn das Trachten des Absoluten muss doch auch absolut sein.“ Da stimme ich Dir zu, sagt unser Ersterer „Aber dann können wir ihn notwendigerweise in keinem Fall als irgendwie menschenähnlich vorstellen?“ „Nein, sicher nicht“ antwortet der Zweite „denn Menschlich ist doch immer das Schwanken zwischen den Zuständen, das mal mehr und mal weniger so oder so sein und ebenfalls das sich MitTeilen, das gemeinsame Überlegen, gerade so wie wir beide dies tun!“ Gut, wenn es kein Mensch sein kann, der da der Träger des absoluten Bösen ist, wer oder was kann es dann sein?“ „Nun, kein Tier, das zu Gut oder Böse kaum oder gar nicht fähig ist, da es doch der automatischen Natur so viel näher ist als der viel offenere Mensch“ „So viel ist sicher“ „Tja, dann bliebe ja nur noch ein Gott, doch wollten wir uns doch von solchen angenommenen Wesenheiten fern halten in unserer Philosophie“ „Durchaus, da man doch nicht etwas postulieren soll, von dem man so gar keine Möglichkeit der Anschauung hat.
Aber dann ist ja in jeder Richtung uns das Denken verwehrt, in der Mitte der Mensch, in der einen Richtung das Tier und in der anderen der Gott. Und alles haben wir verworfen. So bleibt uns doch nur noch eines: Zu sagen, dass es etwas wie das „absolute“ Böse (und ebenso wohl das „absolute“ Gute) gar nicht geben kann außer in den Welten des Erdachten, die wir einzig dem menschlichen Geist, dem menschlichen Verstand zurechnen wollen. Wie alles „absolute“ existiert es nicht unabhängig von der Vorstellungskraft des Menschen, nicht außerhalb von ihm. Denn alles ist ja Teil UND Ganzes, ist ja bedingt durch anderes. Wohingegen aber etwas, dass wir als „absolut“ benennen nicht Teil von etwas anderem Sein kann, sondern in sich geschlossen und abgegrenzt sein muss.“ So stimmten sie darin überein, dass es so etwas wie DAS BÖSE nicht geben kann und setzten ruhig ihren Weg durch die Steinwüste fort.
Die Zeiten des „Du musst...“ und „Du sollst nicht... „ sind zuende!
Ich stimme der Philosophin E. Anscombe zu, dass es in der heutigen „endgötterten“ Zeit keine Moralphilosophie mit Begriffen wie „Verpflichtung“ oder „Pflicht“ mehr geben kann. Heutzutage ist eine Gesetzesmoralphilosphie unmöglich geworden. Es muss eine einbettende Moralphilosophie werden, die uns als Teil des Ganzen sieht, eines Ganzen, das erhalten, geehrt und gepflegt werden muss und das ohne unser individuelles Sein, unsere Einzigartigkeit zu negieren, sondern sie vielmehr als notwendigen Anteil inkludiert. Ganzes/Teil. Daher der Aufruf:
4.5.1 Ein Aufruf an den/die/das Einzelne:
Sei stark und selbstbewusst (in all seinen Bedeutungen), gehe DEINEN Weg und sei zufrieden mit dem was ist, möchte aber mehr in Zukunft. Und dabei vergiss NIEMALS, dass du nur eine oder einer oder eines von VIELEN bist, Teil des großen Organismus der belebten Welt. Handle und sei wie jemand, der diese Welt bewohnt und von ihr lebt und sie hegt und pflegt und nicht wie ein Krebsgeschwür, das den eigenen Organismus tötet.
Auch DU bist Ganzes UND Teil!
1 oder gehört zu uns, ist aber innerhalb der Gemeinschaft weniger Wert, weniger Wichtig als andere Teile der Gemeinschaft – z.B. Frauen gegenüber von Männern
2 Umwelt ist ja z.B. schon ein trennender Begriff, der dem nicht gerecht wird. Wir und UNSERE Um-Welt, wir als Zentrum und nicht als Teil von Welt.
3 Richard David Precht „Wer bin ich und wenn ja wie viele?“ Goldmann Taschenbuch S. 133
4 Aus: Geo 01/2012 Franz Mechsner „Was ist der Mensch“ S. 135
5 Vielleicht können wir dieses „ultra-soziale“ sogar in dem sehen, was wir heute als „Böse“ beschreiben würden. Wenn etwa Verbrechergemeinschaften wie die Camorra oder die chinesische Mafia durchaus ein „soziales“ Gefüge haben, d.h. für die Mitglieder „sorgen“, die sich innerhalb der Gemeinschaft regelkonform verhalten. Dies bedeutet ja nichts anderes, als dass auch Menschen, die die Gesetze und Grundsätze der größeren Gesellschaft mit Füßen treten sich durchaus „innerhalb ihrer Gemeinschaft“ sozial verhalten und Regeln der Gemeinschaft einhalten. Es scheint eher auf die Frage hinauszulaufen: „Wer ist drinnen – wer ist draußen“ und nicht auf fragen wie: „Halten wir uns an Regeln oder beziehen wir uns auf gar nichts“ Keine Gesellschaft, welcher Art auch immer, könnte funktionieren bzw. überleben, wenn ihre Mitglieder sich nicht im Großen und Ganzen an interne Regeln halten würden.
6 Und sind nicht so viele unserer „besonderen“ Eigenschaften als komplexes, geistiges Wesen mit einer Ich-Bewusstheit genau auf diesen Aspekt bezogen? Sprache, die ungemein komplex und vieldeutig ist dient ja dem Zusammenhalt, dient dazu die Gemeinschaft zusammenzuschweißen. Oder Fähigkeiten wie Lachen, Tanzen, Musizieren, Geschichten erfinden, alles Fähigkeiten, die sich nur wirklich in der Gemeinschaft entfalten.
7 Homo (lateinisch hŏmō [ˈhɔmoː] „Mensch“, „Mann“) ist eine Gattung der Menschenaffen (Hominidae) in der Klasse der Säugetiere, zu welcher der anatomisch moderne Mensch (Homo sapiens) und seine nächsten ausgestorbenen Verwandten gehören. Eine genaue Abgrenzung der Gattung Homo von verwandten Gattungen innerhalb der Hominini ist schwierig. Häufig wird der Gebrauch von bearbeiteten Steinwerkzeugen (Geröllgerät) als Kriterium genannt. (Wikipedia)
8 Das ist natürlich das idealisierte Modell! Wie wir alle aus eigener Erfahrung wissen, ist es auch innerhalb der Gemeinschaft nicht nur Kooperation und Freide-Freude-Eierkuchen und natürlich werden auch die Urhorden nicht einfach jede/n, der/die nicht dazugehört ungefragt ermordet haben. Aber dies hier ist das dem sozialen Wesen Mensch zugrundeliegende Prinzip.
9 Aus: „Der Zauberberg“, Thomas Mann, Fischer TB, Berlin 1924 S. 51
10 Schon in den 1990er-Jahren hat der britische Evolutionsbiologe Robin Dunbar herausgefunden, dass bei einer Vielzahl von Affen- und Menschenaffenarten die Größe des Stirnhirns in enger Beziehung zur Größe ihrer Sozialgruppe steht. Überträgt man diesen Zusammenhang auf den Menschen, dann ergibt sich eine Gruppengröße von 150 Personen. Auch für den modernen Menschen gilt diese Größe ungefähr für jene, die wir tatsächlich persönlich kennen (nicht zu verwechseln mit der Gruppe, zu der wir uns prinzipiell zugehörig Fühlen, die kann unvergleichlich größer sein).
11 Aus: Joseph Campbell, Mythologie der Urvölker, Sphinx Verlag Basel 1991, S. 190
12 Immanuel Kant: AA IV, 421
13 Schließlich wären die Mitglieder dieser Gesellschaft völlig überzeugt davon, dass diese Handlung zwingend notwendig ist, um die Fertilität der Erde zu erhalten. Kants Imperativ ist daher nur in einer an sich schon „aufgeklärten“ Gesellschaft wirksam.